Wie gut haben wargames auf 9/11 vorbereitet?

Die Überforderung von FAA und NORAD

Die Ereignisse von 9/11 waren in verschiedentlicher Hinsicht eine Überforderung für die Flugüberwachung:
Sie erforderten eine plötzliche Koordination von FAA und NORAD, doch es hatte vor 9/11 wenig praktische Berührungspunkte zwischen NORAD und FAA vor 9/11 gegeben, was Abfangvorgänge betrifft (Details).
Es handelte sich um Flugzeugentführungen, doch Flugzeugentführungen wurde vor 9/11 nicht als Gefahr ernstgenommen, wovon u.a. die Rolle des Hijack Cooreinators bei der FAA zeugt (Details).
Die Ereignisse erforderten eine schnelle Reaktion, doch das Kommunikationsprotokoll für den Entführungsfall hatte etliche Glieder (Details).
Die Entführungen fanden im Landesinneren statt, die Mission NORADs richtete sich bis 9/11 jedoch auf die Überwachung der Landesgrenzen (Details).

Der Grund für die Überforderung ist also, allgemein formuliert: Die Anschläge von 9/11 wiesen verschiedene anomale Merkmale auf, die eine Händelung nach den bekannten Protokollen erschwerte. Es handelte sich um Selbstmordattacken, in denen mehrere Flugzeuge genutzt wurden, um in Gebäude zu fliegen. Die Attentäter übernehmen hierbei selbst das Cockpit und schalteten den Transponder der Flugzeuge abgesehen von einer Ausnahme aus. Die Flugzeuge waren entführte Passagiermaschinen aus dem Inneren des Landes. NORAD musste zusammen mit der FAA auf das Geschehen reagieren.

Ein Gedankenexperiment

Der Verweis auf das Fehlen eines 9/11-ähnlichen Szenarios vor 9/11 erklärt natürlich nicht alles. Strategien zur Abwehr von Gefahren werden im militärischen Bereich schließlich auch dann entwickelt, wenn es kein zugrundeliegendes Realereignis gibt – allein die Bedrohung reicht. So war NORAD im Zeitraum des Kalten Krieges kontinuierlich auf einen Nuklearangriff durch russische Raketen oder Bomber vorbereitet – bekanntermaßen passierte nichts dergleichen, aber es gab eine als hinreichend ernstzunehmend empfundene Drohkulisse der Sowjetunion.
Die Vorbereitung auf das Realereignis lieferten hier u.a. Strategiepapiere und Planspiele, sog. wargames. Wargames sind keine Exklusivität des NORAD oder der USA – so fanden bspw. vor und auch am 11. September wargames Russlands im Nordpazifik statt, von NORAD beobachtet (Pressemitteilung, 09.09.2001).
Was bedeutet das für 9/11? Auch wenn es kein 9/11-ähnliches Szenario vor 9/11 gab, gab es doch eine zumindest teilweise ähnliche Bedrohungskulisse, etwa durch die Entführung von Air France Flight 8969 und die von Khalid Sheik Mohammed geplante Operation Bojinka. Das provoziert die Frage, ob diese Bedrohungskulisse vor 9/11 in wargames übersetzt wurde.

Am Schreibtisch lässt sich ein 9/11-wargame leicht konstruieren, indem die markanten Merkmale der Anschläge von 9/11 auf ein potentielles Übungsgeschehen übertragen werden. In diesem Fall hätten wir eine Übung, die das folgende Profil aufweist.

(i) FAA-Beteiligung.
(ii) Echte Flugzeuge, keine simulierten.
(iii) Entführung.
(iv) Selbstmord.
(v) Flugzeug als Waffe verwendet.
(vi) Mehrere Flugzeuge.
(vii) Flugzeuge aus dem Inland.
(viii) Transponder aus.

Gab es vor 9/11 eine Übung, die alle diese acht Merkmale aufwies? Oder zumindest sieben davon? Oder zumindest sechs davon? Oder zumindest fünf davon? Etc.

O-Töne

Die Frage nach dem Grad der Vorbereitung von NORAD und FAA auf 9/11 durch wargames kann mit verschiedenen Quellen beantwortet werden. Ideal wären die Übungsunterlagen selbst – diese sind jedoch bisher nicht öffentlich zugänglich.
Es bleiben also die Erinnerungen Beteiligter, medial oder anderweitig kolportiert. Die Befragungen (MFRs) der 9/11 Kommission erweisen sich hier als echte Fundgrube. Sie sind über das Nationalarchiv der Vereinigten Staaten (NARA), scribd.com und 911myths.com verfügbar. Einleitend sei hier auf ein Interview mit zwei Vertretern des NORAD, die als Planer der Übungen mehr über das Thema wissen als alle anderen, hingewiesen.

Interviews mit Militärvertretern

Interviews mit Vertretern der FAA

Die Durchsicht der Befragungen zeitigt verschiedene Ergebnisse für die o.g. Merkmale.

(i) Die Übungen von NORAD fanden laut einstimmiger Meinung der NORADer entweder ohne Beteiligung der FAA statt – in diesem Fall wurde die FAA von einer Zelle NORAD-Mitgliedern gespielt – oder mit FAA-Beteiligung auf regionaler Basis. Letzteres war der seltenere von beiden Fällen und beschränkte sich darauf, dass die FAA Militärflüge überwachte, bis sie im Luftraum NORADs angekommen waren. (Dies war jedoch ohnehin Standard.) Eine Zusammenarbeit mit der FAA auf nationaler Basis fand nicht statt.
Die Interviews mit FAA-Mitarbeitern belegen die fehlende Zusammenarbeit vor 9/11 ebenso. Telefonnummern sind nicht bekannt, Militärbasen sind nicht bekannt, Personen sind nicht bekannt etc.
(ii) Entführungsübungen mit echten Flugzeugen waren sehr selten, wenn es sie überhaupt gab.
(iii) Entführungsübungen generell sind Routine und wurden besonders in den Achtzigern ständig geprobt.
(iv) Übungen, die einen Selbstmord des/der Terroristen simulierten, waren selten. Bianchi erinnert sich an eine Übung, in der der Entführer drohte, das Flugzeug in die Luft zu sprengen. Deskins erinnert sich vage an eine Übung, bei der ein kleines Flugzeug in ein Gebäude flog, ein Flugzug crashte oder voller Chemikalien war.
(v) Übungen, in denen ein Flugzeug in ein Gebäude gelenkt wurde, werden von nahezu allen NORADern verneint. Sie hätten nie an einer solchen Übung teilgenommen und glauben, dass eine solche Übung nicht stattfand. Stuart meint immerhin, dass er ein solches Szenario für realistisch hielt und Briefings darüber abgehalten hätte. Ähnliches äußert Hawley stellvertretend für die FAA. Deskins ist die einzige, die sich an eine derartige Übung zu erinnern glaubt.
(vi) Multiple Entführungen wurden nach einstimmiger Meinung nicht geprobt.
(vii) Die meisten der geprobten Szenarien fanden über Wasser statt. Kein Szenario fand statt, in dem die National Capital Area (Washington DC) verteidigt werden musste. Marr erinnert sich an eine Entführungsübung, die sich im Inneren der USA abspielte, aber sehr schlecht lief.
(viii) Gelegentlich wurden Übungen praktiziert, die den Verlust des Transpondersignals beinhalteten, aber i.d.R. über dem Meer.

Oder kurz: NORAD war schlecht auf das Szenario von 9/11 vorbereitet, was im Vorhinein geprobte Szenarien betrifft.

Fortsetzung folgt.

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