“Verschwörungstheorien”, Teil 1: Schlaglichter

Verschwörungstheorie!

Die Auseinandersetzung zwischen Gegnern der “offiziellen Version” und dem medialen und wissenschaftlichen Mainstream ist geprägt von einem Definitions- und Machtspiel, das um den Ausdruck “Verschwörungstheorie” kreist: Organe der Massenmedien und auch einzelne Wissenschaftler nutzen den Vorwurf der “Verschwörungstheorie” als Totschlagargument gegen die Argumente, die Gegner der “offiziellen Version” aufbringen. Gegner der „offiziellen Version“ ihrerseits reagieren mit dem Verweis, sie würden keine Theorien auf-, sondern nur Fragen stellen, mithin seien Vertreter der „offiziellen Version“ die wahren Verschwörungstheoretiker (vgl. dazu die Literaturhinweise in René Königs Eine Bewegung für die Wahrheit, S. 16-21).
Tatsächlich besteht ein großer Anteil dessen, was Gegner der „offiziellen Version“ an Argumentationsmaterial aufbringen, nicht in Theorien oder auch nur Thesen darüber, wie 9/11 insgesamt oder ein Teilereignis von 9/11 ablief, sondern in der Infragestellung dessen, dass 9/11 oder ein Teilereignis von 9/11 so ablief, wie die „offizielle Version“ es postuliert. Selbst in Fällen, in denen für eine Alternativversion zur „offiziellen Version“ argumentiert wird (z.B. für eine Sprengung der Türme des World Trade Centers), bildet das Fundament der Argumentation zunächst ein Negativurteil über die „offizielle Version“ (in dem Fall die Behauptung, ein durch Feuer induzierter Kollaps könne das Einsturzbild nicht erklären).
Auf der anderen Seite ist der Anspruch aber auch höher als nur Fragen zu stellen. Denn der Prozess der Beweisführung von Gegnern der „offiziellen Version“ endet nicht mit Fragen, sondern einem Apell: (Re-)Investigate 9/11! Gegner der „offiziellen Version“ möchten i.d.R. eine neue Untersuchung von 9/11 anregen.

Ich will, dass dieses Verbrechen vor Gericht untersucht und alle Fakten und Zeugen einbezogen werden. Wenn nicht in den USA, dann in Den Haag. (Mathias Bröckers im taz-Interview)

Ein eigenes Narrativ ist unnötig

Die Forderung einer Neuuntersuchung begründet sich ihrerseites auf dem Feststellen eines Untersuchungsbedarfs und dieser wiederum auf vorgeblichen Anomalien in der “offiziellen Version”. Das Mittel, das zum Ziel des Untersuchungsappells führt, ist also das Ausfindigmachen von Anomalien.
Einige sogenannte „debunker“ haben diese Beobachtung in einen Vorwurf verwandelt: Gegner der „offiziellen Version“ stellen ja bloß Anomalien fest und würden keine Alternative zur „offiziellen Version“ anbieten. Doch der Übergang von der Beobachtung zum Vorwurf ist vorschnell.
Kann ein Straftatverdächtiger nachweisen, dass er zum Tatzeitpunkt nicht zugegen war, oder dass ein Indiz, z.B. der am Tatort gefundene Schuhabdruck, nicht zu seinem Schuhwerk passt, hat er keinen Beitrag zur Ermittlung geleistet und die Aufklärung der Straftat keinen Millimeter vorangebracht. Dennoch kann die Ermittlungsbehörde von ihm nicht verlangen, einen alternativen Tatverdächtigen oder das passende Schuhwerk präsentiert zu bekommen. Der Verdächtigte ist entlastet unabhängig davon, dass er keinen konstruktiven Beitrag zur Aufklärung geleistet hat.
M.a.W.: Ein stichhaltiger Zweifel an der postulierten Tatversion der Ermittlungs-/Untersuchungsbehörde/n verlangt bei Straftaten nicht zwingend das Vorlegen einer alternativen Version. Aus diesem Grund werden Tatverdächtige regelmäßig aus der Untersuchungshaft entlassen.
Was für die kleine Straftat, den Verdächtigen und das Schuhwerk gilt, gilt auch für die monströse Straftat 9/11: Ein stichhaltiger Zweifel an der postulierten Tatversion der Ermittlungs- bzw. Untersuchungsbehörde/n (des FBI, der 9/11 Kommission, des NIST etc.), d.h. der „offiziellen Version“ der Anschläge (dargelegt im 9/11 CR, in den NIST-Reporten etc.), verlangt nicht zwingend das Vorlegen einer alternativen Version.
Ergebnis: Die Beweisführung eines Gegners der „offiziellen Version“ ist nicht ungültig durch ihr negatives Ergebnis. Ein eigenes Narativ ist nicht nötig.

Stichhaltiger Zweifel

Doch was ist Grund für stichhaltigen Zweifel bzw. – nicht-psychologisch formuliert – eine Anomalie in der „offiziellen Version“?.
Erwartungsgemäß gehen hier die Einschätzungen und Ansprüche auseinander, da keine feste Grenze existiert, ab der ein Zweifel stichhaltig bzw. etwas eine Anomalie ist. Dennoch gibt es unabhängig von subjektiven Einschätzungen einen Grundkanon an Realität, mit dem die „offizielle Version“ in jedem Fall übereinstimmen muss, darunter Gesetze der Logik (zwei Angaben dürfen sich z.B. nicht widersprechen) und Gesetze der Natur (dieselbe Person kann z.B. nicht an zwei Orten gleichzeitig sein). Einem Abgleich mit diesem Grundkanon muss die „offizielle Version“ standhalten.
Ein solcher Abgleich kann, wenn er nicht beliebig ausfallen soll, nur konkret vorgenommen werden: Eine möglichst konkrete Behauptung wird mit einer möglichst konkreten „Realitätspartikel“ abgeglichen.
Die Ansprüche an die gewählten Realitätspartikel fallen hierbei auch unter Gegnern der „offiziellen Version“ äußerst vielschichtig aus. Ein Beispiel aus dem oberen Niveau (Christian Walther, Der zensierte Tag, S. 195, meine Herv., Details):

Aufgrund der uns vorliegenden [Funkverkehr-]Daten und aller offiziellen Aussagen ist daher festzuhalten, dass Flug 11 sich möglicherweise bereits vor 8.46 Uhr im Sinkflug befand, aber ebenso entschieden auszuschließen, dass es sich bei dem Flugobjekt, das um 8.46 Uhr in den Nordturm des World Trade Center stürzte, um Flug 11 gehandelt haben kann.

Ein Beispiel aus dem unteren Niveau (Andreas von Bülow, Die CIA und der 11. September, S. 210, meine Herv., Details):

In einem Beitrag im Internet wird behauptet, in den Verkehrsmaschinen vom Typ 757 und 767 habe Boeing über den Bordcomputer das Fliegen von Kurvenradien unmöglich gemacht, die Passagiere einer Belastung von mehr als 1 1/2 g, d. h. dem Anderthalbfachen des Körpergewichts, aussetzen.

Uabhängig von der grundsätzlichen Position zu 9/11 dürfte hier leicht Einigung zu erzielen sei, dass die jeweiligen Argumente – so die Prämissen wahr sind – nicht denselben Überzeugungswert besitzen. Der Grund ist einfach: Jeder hierarchisiert seine Realitätspartikel nach ihrer Überzeugungskraft, mal mehr und mal weniger bewusst.

Ein einfacher Test: Jemand fragt Sie, ob die beschuldigten Attentäter von 9/11 auf den Passagierlisten der 9/11-Flüge stehen. Für die Antwort dürfen Sie auf genau eine dieser Quellen zurückgreifen:

- Die originalen Passagierlisten (Ausdruck vom 11. September).
- Einen Abschrieb der Passagierlisten.
- Einen Abschrieb eines Abschriebs der Passagierlisten.
- Die Erinnerung eines Mitarbeiters an die Passagierlisten.

Welche Quelle würden Sie wählen?

Abgleich unmöglich

Die Möglichkeit eines Abgleichs von “offizieller Version” und Realität ist von verschiedenen Bedingungen abhängig.
An vorderster Stelle steht hier Zugänglichkeit einer für den Abgleich geeigneten Realitätspartikel. Jede(r) kann eine Behauptung nur mit denjenigen Realitätspartikeln abgleichen, die ihr/ihm zugänglich sind. So kann vermutlich kein Leser und keine Leserin dieser Webseite die Behauptung, ob die beschuldigten Attentäter von 9/11 auf den Passagierlisten der 9/11-Flüge stehen, tatsächlich mit der originalen Passagierliste als Ausdruck vom 11. September 2001 abgleichen. Die Liste steht Privatpersonen nicht zur Verfügung.
Ebenso kann nur eine Minderheit der Leser und Leserinnen dieser Webseite die Behauptung, die durch die Turmeinstürze entstandenen Staubpartikel hätte dieses-und-jenes Größenmaß nicht unterschreiten dürfen, mit den zugrundeliegenden Naturgesetzmäßigkeiten abgleichen. Hierfür sind Kenntnisse dieser Gesetzmäßigkeiten und ihrer Applikation auf diesen Einzelfall nötig.
Der Abgleich scheitert also in vielen Fällen an fehlendem Zugang und/oder fehlender Expertise. Mangels Universalgenies und qua Geheimhaltungstendenzen vieler Behörden ist das ein unvermeidbarer Grund- und Dauerzustand unserer Informationsgesellschaft, mit dem Ergebnis, dass vieles Glaubenssache bleibt.
Das gilt ebenso für die Beschäftigung mit 9/11, siehe das Passagierlistenbeispiel, ist aber kein Grund für Zynismus oder Egalität. Es stellt jedoch Anforderungen an das saubere Arbeiten, die nicht zu unterschätzen sind und Gegner der „offiziellen Version“ regelmäßig überfordern.

Realitätspartikel von 9/11

Erst kommt die Anomalie, dann der Zweifel. Auf das Modell des Abgleichs angewendet heißt das: Eine „offizielle“ Behauptung (oder mehrere) wird (oder werden) zur Kenntnis genommen, mit Realitätspartikeln auf Plausibilität hin abgeglichen und dann auf Basis des Abgleichs bezweifelt.
Mit Blick auf die Hierarchie von Realitätspartikeln sollte bei diesem Vorgehen die Leitfrage sein:

Welche Realitätspartikel eignet sich am besten, um die gewählte „offizielle“ Behauptung zu falsifizieren?

Mit Blick auf die o.g. Einschränkungen sind dann zwei Folgefragen einschlägig:

Habe ich Zugang zu dieser Realitätspartikel?
Wenn ja, verstehe ich diese Realitätspartikel?

Die Antwort auf diese drei Grundsatzfragen entscheidet bei jedem Beispiel über die Überzeugungskraft des Zweifels. Ein maximal stichhaltiger Zweifel liegt in der Theorie vor, wenn eine zur Falsifizierung geeignete Realitätspartikel identifiziert wurde und die zwei Folgefragen zu dieser Realitätspartikel mit „Ja“ beantwortet werden können.

Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es jedoch häufig anders aus. Viele Gegner der „offiziellen Version“ sind …

… nur mäßig kompetent. Sie nehmen die erstbeste Realitätspartikel ohne Blick auf die Frage, ob sie wirklich geeignet ist, die in Frage gestellte Behauptung zu falsifizieren. Daraus folgt die stete Berufung auf Sekundärquellen wie Medienberichte, Zeugenaussagen bis hin zu beliebigen Forenbeiträgen, die sich in den Fußnoten nahezu beliebiger Veröffentlichungen nachweisen lässt (Bsp.).

… Rhetoriker. Sie erkennen, dass sie über keine zur Falsifizierung geeignete Realitätspartikel verfügen, nehmen anschließend eine ungeeignete und qualifizieren die Falsifizierungsbehauptung entsprechend ab, ohne den dahinterstehenden Zweifelsanspruch jedoch aufzugeben: „Es steht in Frage, ob …“, „Es ist sonderbar angesichts …“, „Es hat noch niemand dazu Stellung genommen, dass …“, „In einem Beitrag im Internet wird behauptet, dass …“ (Bsp.).

… Pseudoskeptiker. Sie erklären den fehlenden Zugang oder ihr Unwissen selbst bereits zum Zweifelsgrund (Bsp.).

… überheblich. Sie glauben, eine Realitätspartikel zu verstehen, tun es jedoch nicht (Bsp.).

Das Ergebnis ist eine sehr unsaubere Arbeit, die den postulierten Falsifizierungsanspruch nicht einlöst.

Der Zirkel der Anomalienjagd

Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Anspruch, die „offizielle Version“ zu falsifizieren und dem unsauberen methodischen Arbeiten. René König und ich haben versucht, ihn – neben anderen Dingen – in dem Artikel „Die Anomalienjäger“ zu beschreiben. Die destruktive Fixierung auf Anomalien auf der einen führt zur Verwerfung konstruktiver erklärungsbildender Methoden auf der anderen Seite. Weil Gegner der “offiziellen Version” – anders als bspw. Historiker oder viele Journalisten – kein Interesse an einer eigenen Erklärung von 9/11 haben, entwickeln sie keine Standards, mittels derer die Plausibilität einer Erklärung überprüft werden kann.
Zu den verworfenen erklärungsbildenden Methoden zählt an vorderster Stelle das Erstellen einer Quellenhierarchie, d.h. einer Unterscheidung von zur Falsifizierung geeigneten und nicht zur Falsifizierung geeigneten Realitätspartikeln.
Die fehlende Quellenhierarchie hat aber nicht nur negative Auswirkungen auf die Erklärung, die Gegner der “offiziellen Version” ja gar nicht zu entdecken anstreben. Sie hat auch negative Auswirkungen auf die Anomalien, die Gegner der “offiziellen Version” durchaus zu entdecken anstreben. Denn anhand der unsauberen Methode, die zur vermeintlichen Entdeckung einer Anomalie führte, lässt sich nicht bestimmen, ob das, was entdeckt wurde, tatsächlich eine Anomalie ist (im Gegensatz z.B. zu einer Wissenslücke dessen, der es für eine Anomalie hält). Oder kurz: Wenn die gewählte Realitätspartikel zur Falsifizierung nicht geeignet ist, kann auch keine Falsifizierung stattfinden. Dass jemand z.B. in einem Internetforum etwas behauptet, ist keine Anomalie der “offiziellen Version” – es ist eine Behauptung in einem Internetforum.
Die Berufung auf beliebige Forenbeiträge ist nur die Spitze des Eisbergs. Mannigfaltige weitere und weniger triviale Beispiele für die mangelhafte Quellenhierarchisierung sind auf dieser Webseite dokumentiert.
Zeitungsberichte vs. Primärdaten.
Primärdatenlücken vs. Primärdaten.
Fehlende Informationen vs. Primärdaten.
Wieder fehlende Information vs. Primärdaten.
E-Mail vs. Primärdaten.
Polemik vs. Primärdaten.
Falsche Prämissen vs. Primärdaten.
Singuläraussage vs. Primärdaten.
Notiz vs. Primärdaten.
Wieder Notiz vs. Primärdaten.
Forenbeitrag vs. Primärdaten.
Medienbericht vs. Primärdaten.
Wieder Medienbericht vs. Primärdaten.
Spekulation vs. Primärdaten.
Wieder Spekulation vs. Primärdaten.
Strohmann vs. Primärdaten.
Wieder Strohmann vs. Primärdaten.
Wieder Strohmann vs. Primärdaten.
Ignoranz vs. Primärdaten.
Wieder Ignoranz vs. Primärdaten.
Augenzeuge vs. Primärdaten.
Wieder Augenzeuge vs. Primärdaten.
Wieder Augenzeuge vs. Primärdaten.
Wieder Augenzeuge vs. Primärdaten
Usw. usf.

Niveau und rhetorische Umgebung sind abhängig vom Autor unterschiedlich, doch es läuft häufig auf denselben Methodenfehler hinaus: Gegner der „offiziellen Version“ verkünden eine Anomalie, deren Wahrnehmung als Anomalie maßgeblich fehlenden Quellenstandards geschuldet ist.
Das ist das Problem an sog. “Verschwörungstheorien” zu 9/11 – nicht die politische Gesinnung ihrer Vertreter (die divers ist), nicht ihre Kritik an der Deutungshoheit der Massenmedien (die mitunter berechtigt ist), nicht die Behauptung eines “inside jobs” (die ja stimmen könnte) und nicht ihr spekulativer Anteil (der gering ist), sondern der zugrundeliegende Methodenschlamassel.

Weiter zu Teil 2: Perspektiven

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