“Verschwörungstheorien”, Teil 2: Perspektiven

Das Licht am Ende des Zirkels

Der konstatierte Methodenschlamassel erlaubt einen positiven Umkehrschluss: Die Anwendung erklärungsbildender Methoden erhöht die Seriosität der Arbeit an 9/11.
Bezogen auf Quellenstandards bedeutet das: Eine Quellenhierarchie ist notwendig, um 9/11 zu erklären.
Bezogen auf die Flugabwehr am 11. September 2001, das Thema dieser Webseite, bedeutet das: Erkennt man die Autorität der Primärdaten – gegenüber bspw. einzelnen Augenzeugen, Medienberichten und Spekulationen – an, kann man vieles erklären, was 9/11 geschehen ist.
Gleichzeitig entpuppen sich viele der angeblichen Anomalien des Flugabwehrgeschehens dann jedoch als unverdächtig.

Ein eigenes Narrativ ist doch nötig

Der Text „Die Anomalienjäger“ stellt die Forderung auf, Gegner der „offiziellen Version“ sollten eine Alternativversion zur „offiziellen Version“ entwickeln. Motivation dieser Forderung ist hierbei der Anspruch, den Gatekeeper-Ansprüchen von Google und Wikipedia von Seiten einer kritischen Öffentlichkeit etwas entgegenzusetzen (vgl. hierzu auch den nachträglichen Kommentar zum Artikel von René König).
Es gibt noch eine zweite Motivation dieser Forderung. Wenn die Diagnose der Methodenschlamassel ist und wenn der Methodenschlamassel wiederum auf den Anspruch zurückgeht, „nur“ die offizielle Version zu widerlegen/bezweifeln, ohne dabei auch eine Alternative zu dieser Version anzubieten, dann ist ein möglicher Ausweg aus dem Methodenschlamassel eben das: Auch eine Alternative zu dieser Version anzubieten.
Würden mehr Gegner der „offiziellen Version“ einen ernsthaften Alternativentwurf – und sei er komplett hypothetisch und unbelegt – präsentieren, würden mehr auch ihren Methodenkatalog kritisch reflektieren:

1. Ein eigenes Narrativ erfordert Nachdenken über die Falsifizierungskriterien für dieses Narrativ: Was würde ich als Falsifizierung akzeptieren? Spätestens an diesem Punkt wird auch der stärkste Verfechter von „inside job“-Behauptungen seine Standards heben. Und plötzlich zählt der einzelne Augenzeuge nicht mehr so viel. Oder die Zeitungsnotiz.
2. Entsprechend fordert ein eigenes Narrativ den Vergleich mit der „offiziellen Version“ heraus: Lege ich an meine eigene Version dieselben Falsifizierungsmaßstäbe an wie an die „offizielle Version“? Erst wenn das der Fall ist, ist ein Falsifizierungsversuch einer dieser Versionen sinnvoll.
3. Ein eigenes Narrativ erfordert Kohärenz und damit den Ausschluss vieler zu „Anomalien“ erklärter Sachverhalte, denn die vielen Einlassungen von Gegnern der „offiziellen Version“ sind häufig unnötig kompliziert, schwer in einen Entwurf zu integrieren oder sogar offenkundig inkompatibel (vgl. „UA 93 wurde über Shanksville abgeschossen“ vs. „Die Trümmerteile in Shanksville stammen gar nicht von UA 93“).

Ein eigenes Narrativ ist ein probates Instrument, die eigenen Arbeitsstandards sauber zu halten und sich dem anzunähern, was man selbst als „echte“ Anomalie akzeptiert.
Ein eigenes Narrativ muss hierbei nicht eine Gesamterklärung von 9/11, d.h. sämtlicher Ereignisse des Tages plus Vor- und Nachgeschichte liefern. Aber es muss eine Gesamterklärung in einem bestimmten Themenkomplex von 9/11 liefern können.
Zudem besteht nicht die Notwendigkeit, dass eine alternative Darstellung über den Tathergang belegt sein muss – es wäre bereits ein großer Schritt, sie überhaupt als Hypothese zur Debatte zu stellen, wie es bspw. Paul Schreyer in Faktencheck 9/11 tut. Schreyer bildet damit eine Ausnahme unter Gegnern der “offiziellen Version”.

“Truther” vs. “Debunker”

Noch einmal zum Stichwort “Forumsbeitrag”. Zwischen Gegnern der „offiziellen Version“ und Kritikern dieser Gegner wird in Feuilletons und Internetforen seit Jahren eine mal mehr, mal weniger intensive Debatte über Sachaspekte von 9/11 geführt. Die Lagerteilung in sog. “truther” und sog. “debunker” bildet den Unterschied zwischen methodisch unkontrollierter und methodisch kontrollierter Arbeit jedoch nicht 1:1 ab. Die Grenzen der seriösen Argumentation verlaufen quer durch die zerstrittenen Lager.
Ein Blick in ein beliebiges Forum, in dem 9/11 diskutiert wird, zeigt, dass weder „truther“ automatisch gar keine Quellenstandards aufweisen noch „debunker“ diese Standards im Gegenzug automatisch haben. Wer in einer 9/11-Diskussion schlüssiger argumentiert, entscheidet sich daher nicht automatisch an der Zugehörigkeit zu einem der jeweiligen Lager. Ebenso wie die Bandbreite der “truther” von komplett voreingenommen bis einfach nur skeptisch reicht, reicht die Bandbreite der “debunker” von kritisch abwägend bis einfach nur autoritätsgläubig.
Unter einem argumentationstheoretischem Blickwinkel bedeutet das: Die Lagerzugehörigkeit ist erst das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit dem Thema 9/11. Sie sagt jedoch nichts über die  Herleitung dieses Ergebnisses und ihre Qualität aus. Ein Zweifel kann ideologisch sein, die Ablehnung eines Zweifels plausibel. Ein Zweifel kann plausibel sein, die Ablehnung eines Zweifels ideologisch. Über beides entscheidet der Einzelfall.
Eine pauschale Kritik an „truthern“ (wozu auch die Kritik von René König und mir zählt) kann eine Tendenz und Zusammenhänge aufzeigen, ist allerdings kein vollwertiger Ersatz für die Auseinandersetzung mit individuellen Herleitungen für Zweifel, wie sie auf dieser Webseite – thematisch beschränkt – in der Kategorie Alternative Deutungen stattfindet. Die pauschale Kritik kann damit bekräftigt werden oder auch nicht.
Gleichzeitig impliziert die hier stattfindende Konzentration auf individuelle Behauptungen das Zugeständnis der Unvollständigkeit in der Abdeckung des Themas. Diese Webseite beruht – auch wenn interessierte Kreise anderes mutmaßen – auf privatem Interesse und unterliegt neben den allgegenwärtigen Beschränkungen von Informationszugang und Verstehen daher auch Beschränkungen von Zeit und Interesse.

„Echte“ Anomalien

Die übliche Reaktion auf neue Einträge dieser Webseite unter “Alternative Deutungen” besteht in einer Themenverschiebung: Es wird nicht oder nur selten der vorhandene content kritisiert, sondern stets oder häufig der nichtvorhandene content, eben weil er nicht vorhanden ist. Denn die nächste und bis dato hier unbehandelte Anomalie sei dann garantiert eine “echte” Anomalie.
Nun ja. Natürlich vertreten Gegner der “offiziellen Version” die Überzeugung, “echte” Anomalien aufzuzeigen. So reagiert etwa Mathias Bröckers auf “Die Anomalienjäger” mit der Zurückweisung und Selbstdeutung (meine Herv.):

Sie [René König und ich] werfen mir und anderen Autoren vor, in ihren Büchern zu 9/11 nur Ungereimtheiten der offiziellen Tatversion aufgelistet zu haben, aber keine alternative Darstellung über den Tathergang zu liefern. Dazu kann ich nur sagen: sorry, das ist der Job von Staatsanwälten und Gerichten, die Zeugen vorladen und zurückgehaltene Akten anfordern können, nicht aber von Autoren, die auf öffentlich verfügbares Material angewiesen sind.

Beim Konstruieren vermeintlicher “Ungereimtheiten” spielt indes gerade Bröckers, in Sachen 9/11 ein Protagonist der ersten Stunde, eine federführende Rolle (Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp.).
Unabhängig von den Unzulänglichkeiten einzelner Protagonisten lässt sich die Möglichkeit “echter” Anomalien nicht ausschließen. Der kausale Nexus zwischen Anomalienjagd und unsauberer Methode ist keine Notwendigkeit, d.h. es ist möglich, mittels von Anomalien die „offizielle Version“ zu widerlegen, nämlich wenn die dafür verwendete Realitätspartikel geeignet ist, die entsprechende „offizielle“ Behauptung tatsächlich zu falsifizieren.
Mit Blick auf das hier behandelte Thema der Flugüberwachung benötigt eine “echte” Falsifizierung insbesondere die Primärdaten als Falsifizierungsgrundlage. Man denke an Radardaten, die widerlegen, dass sich ein konkretes Flugzeug zu einer konkreten Zeit an dem konkreten Ort befand, von dem die „offizielle Version“ behauptet, dass es sich dort befand. Oder eine Funkverkehraufnahme, die belegt, dass eine konkrete Person von einem konkreten Ereignis zu einem anderen Zeitpunkt informiert wurde als die „offizielle Version“ behauptet.
Gerade zum Gebiet der Flugüberwachung bietet sich dieser Zugang an, weil hier durch die Privatinitiative von Einzelpersonen viel Datenmaterial nicht nur vorhanden, sondern (im Gegensatz zu anderen Themenbereichen von 9/11) auch öffentlich zugänglich und zu Teilen auch für den interessierten Laien verständlich ist.
Soweit die Theorie. Die Primärdaten tendieren jedoch in diesem Fall dazu, die „offizielle Version“ in ihren Einzelbehauptungen vielfach zu bestätigen. Das wiederum ist keine Überraschung angesichts der Tatsache, dass sich das erste Kapitel des 9/11 CR, d.h. der  „offiziellen Version“, ebenso wie seine Autoren in ihren weiteren Publikationen häufig auf Primärdaten beziehen.
Den unterschiedlichen Umgang mit dieser Diagnose symbolisieren zwei Leitfiguren unter hiesigen Gegnern der „offiziellen Version“: Andreas Hauß, Zweifler der ersten Genration, der sämtliche Primärdaten, die die „offizielle Version“ bestätigen, zur Fälschung deklariert auf der einen Seite. Und der genannte Paul Schreyer, der erst zehn Jahre nach 9/11 erstmals zum Thema der Flugüberwachung 9/11 publizierte, als vergleichsweise umsichtiger Fragensteller auf der anderen. (Zur Illustration: “Schreyers US-Luftabwehr: 9/11-Fakten, die keine sind” im 911-Archiv von A. Hauß.)

Fragen stellen …

… ist Grundlage für Wissenserwerb. Aber auch Antworten zuzulassen.
„Die Anomalienjäger“ ist als Angriff auf 9/11-Skepsis im Allgemeinen interpretiert worden. Wir würden offene Fragen zu 9/11 unterdrücken wollen, für das Ausschalten des individuellen Verstandesgebrauchs plädieren, gegen Aufklärungsbestrebungen arbeiten und Hörigkeit gegenüber offiziellen Verlautbarungsorganen und massenmedialen Deutungen predigen.
Wer dies aus unseren Ausführungen herausliest, hat nicht gründlich gelesen. Es ist natürlich legitim, häufig notwendig und nicht zuletzt ein demokratischer Rechtsanspruch, Fragen zu 9/11 zu haben und zu stellen, Zweifel an „offiziellen“ Behauptungen zu haben und zu formulieren oder eine andere Deutung von 9/11 zu haben und zu vertreten. Darüber kann es keine Debatte geben.

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