Der CVR von UA 93

1. Hauß

Andreas Hauß hält den CVR von UA 93 für gefälscht. Er bezieht sich auf das über den SPIEGEL veröffentlichte Transkript und behauptet:

Wie in jedem schlechten B-Moviie aus Hollywood gibt es aber schlimme Inkonsistenzen:

Die “schlimmen Inkonsistenzen”:

- die Hälfte “unverstänlich”

Das ist keine Inkonsistenz.

- nur partielle Übereinstimmung mit der Cleveland-Aufnahme der Bodenkontrolle

Hauß gibt kein Beispiel, es bleibt bei einer reinen Behauptung. Der lohnt es sich allerdings nachzugehen. Das Transkript des CVR beginnt um 09:31:57 Uhr (ein CVR nimmt nur die letzten ~30min eines Fluges auf), deshalb sollte der Vergleich von CVR-Transkript und FAA-Tapes auch dort beginnen. Alle Kommunikationen zwischen dem Executive Jet 956 und dem ARTCC Cleveland (ZOB) sind immerhin ansatzweise enthalten, werden allerdings allem Anschein nach durch die Cockpitgeräusche und -gespräche streckenweise stark überlagert. Auf dem Tape des ZOB im entsprechenden Sektor heißt es im Zeitraum 09:33:24-09:33:45 Uhr:

EJA 65: Sir, did you hear the transmission unintelligible he probably just said he had a bomb on board.
ZOB: Uh, say again, uh, is that United ninety-three?
EJA 65: In that transmission he said was unreadable it sounded like someone said they had a bomb on board.
ZOB: That’s what we thought, we just, er, we…we…we just didn’t get it clear. Is that United ninety-three calling? Executive nine fifty-six, that aircraft we believe was transmitting is twelve o’clock one-five miles. Turn left heading two-two-five. I’ll get you away from him. Okay, he’s climbing so I want to keep everybody away from him.

Der parallele Zeitraum nach dem CVR-Transkript, mit starken Abweichungen:

09:33:20 Unintelligible
09:33:20 We just didn’t get it clear … Ist hat United 93 calling?
09:33:30 Jassim
09:33:34 In the name of Allah, the most Merciful, the most Compassionate.
09:33:41 Unintelligible
09:33:49 Finish. No more. No more.

Ein zweiter Vergleich zeigt ein völlig anderes Bild. In den Tapes des ZOB im entsprechenden Sektor heißt es im Zeitraum 09:39:19-09:40:03 Uhr:

ZOB: Ah, that´s United ninety-three calling. United ninety-three, understand you have a bomb on board, go ahead.
EJA 56: And Center Execjet Nine Fifty-Six, that was the transmission.
ZOB: OK, ah, who called Cleveland? Center Execjet Nine Fifty-Six, did you understand that transmission?
EJA 56: Affirmative. He said there was a bomb on board.
ZOB: And that, that was all you got out of it also?
EJA 56: Affirmative.
ZOB: Roger. United Ninety-three, go ahead.

Der parallele Zeitraum nach dem CVR-Transkript lautet mehr oder weniger identisch:

09:31:21 OK. That´s United ninety-three calling?
09:39:24 One moment.
09:39:34 United ninety-three. I understand you have a bomb on board. Go ahead.
09:39:42 And center exec jet nine fifty six. That was the transmission.
09:39:47 Okay. Ah, who called Cleveland?
09:39:52 Executive jet nine fifty six, did you understand that transmission?
09:39:56 Affirmative. He said there was a bomb on board.
09:39:58 That was all you got out of it also?
09:40:01 Affirmative.
09:40:03 Roger. United Ninety-three, go ahead.

Zeitlich stimmen die parallel gelesenen bzw. gehörten Funknachrichten in beiden Fällen überein. Inhaltlich sind sie im zweiten Vergleichsbeispiel mehr oder weniger identisch, während beim ersten Vergleichsbeispiel ein großer Teil der Kommunikation der Aufnahmen der FAA-Tapes auf dem CVR-Transkript fehlt. Allerdings wird im CVR-Transkript genau an den entsprechenden Stellen mehrfach auf die schwere Verständlichkeit der Aufnahme hingewiesen und es finden parallel Gespräche der Attentäter im Cockpit statt.
Das gleichzeitig heterogene wie erklärbare Gesamtbild spricht deshalb für die Authentizität der Aufnahme bzw. des Transkripts. Es gibt dagegen keine natürliche Erklärung, warum im Falle einer Verschwörung das FBI an einer Stelle zum Gegenlesen auf die FAA-Aufnahme zurückgreifen sollte, an einer anderen Stelle jedoch nicht.
Eine weitere Inkonsistenz nach Hauß:

- Beginn der Aufnahme mit der Stimme eines angeblichen Entführers – nicht jedoch mit der Stimme des Piloten (“Mayday,Mayday”), die Wiedererkennungswert gehabt hätte. Es fehlen somit etwa 3 Minuten zu Beginn

Keine Inkonsistenz und zudem überholt, da die Stimme des/der Piloten auf der Aufnehme des ZOB zu hören ist – leider.

- mit einzwei kleinen Ausnahmen (“grüner Knopf”) keine Gespräche der Entführer über ihre Tätigkeit, so als seien es Piloten mit Jahrzehnten Erfahrung gewesen ( und selbst diese müßten sich gelegentlich über den Kurs verständigen, wenn die Bodenkontrolle keine Hilfe gibt bzgl. des Flugziels)

Der Einwand beruht auf der durch den Plural „Piloten“ gesetzten Prämisse, dass beide Entführer Piloten gewesen wären. Diese Prämisse ist falsch. Lediglich Ziad Jarrah hatte eine entsprechende Ausbildung. Er hätte vom anderen Entführer im Cockpit nichts lernen können.
Zudem hat Hauß selbst korrekt festgestellt, dass ein Teil der Aufnahmen unverständlich ist und entsprechende Kommunikation enthalten könnte.

- aber das Schönste: der Cockpit-Recorder gibt anscheinend Tonmaterial aus der Kabine wieder (hingegen sind Bemerkungen der anscheinend noch lebenden Piloten aus dem Cockpit selbst, also direkt am Mikro, nicht zu vernehmen)

Das Mikrophon eines CVR nimmt wie jedes Mikrophon jedes Geräusch auf abhängig davon wie laut es ist. Ist ein Geräusch aus der Kabine laut genug, ist es auch auf dem CVR zu hören. Dem NTSB zufolge soll Ähnliches im Fall der Maschine EgyptAir 990 passiert sein (Report, Fußn. 106):

Although the CAM recorded all of the captain´s remarks, the “What´s happening? What´s happening?” comments at 0150:06 were of a poorer recording quality and less audible than similar remarks made at 0150:08 and 0150:15. The evidence from both microphones was consistent with the captain speaking from outside the cockpit or the rear portion of the cockpit when he made the earlier statement and from the forward portion of the cockpit when he made the later statements, suggesting that the captain was moving forward as he made these statements.

Worauf Haußens Bemerkung mit den „anscheinend noch lebenden Piloten“ abzielt, ist unklar. Die Entführer-Piloten sind zu hören. Aus dem Anruf von Todd Beamer geht hervor, dass Pilot und Co-Pilot, identifiziert durch eine Flugbegleiterin, in der ersten Klasse auf dem Boden lägen und er nicht wisse, ob sie noch leben würden.
Haußens Fazit:

Daß die Inkonsistenzen vom “Spiegel” nicht “erkannt” werden, zeigt nur ein weiteres Mal: es ist ein CIA-Verlautbarungsorgan von vielen.

Mein Fazit: Dass die Inkonsistenzen derart schlampig zusammengebastelt sind, zeigt nur ein weiteres Mal: Es gibt nichts, was Hauß nicht irgendwie anzweifeln könnte.
Soweit die Sachargumente. Die „Inkonsistenzen“ werden um Polemik angereichert.

TV-Dialoge – deutsch:
“Harry, fahr den Wagen vor”. Na, der geht ja noch. Aber:
“Sie fragen, Herr Kommissar, nach meinem Verbleib am gestrigen Abend ? Nun, ich war nicht zugegen, als der Mord an meiner unglückseligen Frau geschah ”
Hölzern, unwirklich, deutsch, langweilig. Schlechtes Buch, schlechter Regisseur, schlechter Schauspieler.
Eine andere Inszenierung – Auszug: Laut dem Kommissionsbericht ist auf dem Band zu hören, wie ein Passagier ruft: “Ins Cockpit! Wenn wir das nicht machen, sterben wir!”
Den Kommissionsbericht können Sie hier herunterladen: http://www.9-11commission.gov/report/911Report.pdf
Ob wohl auf den Tonbandschnipseln auch die Erwägung zu hören sein wird, wie mit der Bombe umzugehen sei? Es ist ja bekanntlich etwas anderes, einen Terroristen zu überwältigen, der ein Teppichmesser in der Hand hält, oder einen, der eine Bombe zu zünden bereit ist. Schlechte Drehbücher zeichnen sich durch inkongruenzen und unlogische Handlungsfolgen aus, verstärkt durch schlechten Schnitt.

Indiskutabel. Menschen sind verschieden und reagieren auf Situationen verschieden.
Die Bemerkung über die Bombe ist nicht nur argumentationsfrei, sondern verhöhnt auch die Opfer. Nein, dem Transkript nach ist keine Diskussion über den Umgang mit der Bombe auf dem CVR zu hören. Hat es eine Diskussion gegeben? Vielleicht.

2. Davidsson, Teil I

Auch Elias Davidsson erhebt Fälschungsvorwürfe mit Blick auf den CVR von UA 93. Da auch Davidsson die Aufnahme des CVR nicht vorliegt, greift er auf Medienberichte zurück, die den Inhalt des CVR auf Basis der Erinnerungen von Familienangehörigen, d.h. aus dritter Hand, wiedergeben.
Man sollte deshalb genau trennen, was genau Davidsson zum „fraud“ erklärt: Die Primärdaten oder die Wiedergabe dritter Hand. Davidsson selbst spricht sehr unscharf:

Evidence of fraud regarding flight UA93’s Cockpit Voice Recorder (CVR)
[…]
What secrets did the CVR recording hold that the FBI did not want to be widely known?
[…]
Philadelphia Daily News reported … CNN reported … According to the San Francisco Gate
[…]
We have here three different versions of one and the same CVR.  As these versions contradict each other, either two of them or all three are a fraud.  It is, therefore, not surprising that the FBI has kept the CVR under seal.

Unter Berücksichtigung dieser Grundsatzüberlegung ergibt sich das folgende Bild. Davidsson vergleicht drei Medienberichte über den CVR von UA 93 und proklamiert, dass sie sich widersprechen würden:

The story has now completely changed […] In 2006 the story changed again.

Die logische Schlussfolgerung ist klar: Mindestens zwei der Medienberichte müssen falsche Aussagen beinhalten.
Soweit, so gut. An dieser Stelle könnte die Diskussion beendet sein – zum CVR von UA 93 ist damit nichts gesagt. Tatsächlich sind jedoch selbst die Widersprüche, die Davidsson zu erkennen glaubt, Ergebnis zielloser Detailhuberei.

1. Die crash-Zeit

The 10:06 a.m. seismic event and the three missing minutes have disappeared from the later account. [...] The impact of the plane with the ground now occurs at 10:03 a.m.

Der Widerspruch hat nichts mit dem CVR von UA 93 zu tun, der in allen zitierten Medialversionen um 10:03 endet. Aber auch unabhängig davon ist er längst zu den Akten gelegt.
Die Studie von Won-Young Kim zu den seismischen Daten, in welcher die Absturzzeit von 10:06 Uhr auftaucht, kann als überholt gelten, denn sie widerspricht sechs distinkten Sets an Primärdaten: Den Radardaten der FAA; den Radardaten des 84th Radar Evaluation Squadron RADES der USAF; den Satellitendaten des Defense Special Missile and Astronautics Center DESMAC; den ATC-Aufnahmen der FAA; dem FDR von UA 93; und laut allen Organen mit Zugang zur Aufnahme auch dem CVR von UA 93.
Der 9/11 CR beschrieb den Abwägungsprozess in Fußnote 168 zum 1. Kapitel:

We also reviewed a report regarding seismic observations on September 11, 2001, whose authors conclude that the impact time of United 93 was “10:06:05±5 (EDT).”Won-Young Kim and G. R. Baum, “Seismic Observations during September 11, 2001,Terrorist Attack,” spring 2002 (report to the Maryland Department of Natural Resources). But the seismic data on which they based this estimate are far too weak in signal-to-noise ratio and far too speculative in terms of signal source to be used as a means of contradicting the impact time established by the very accurate combination of FDR, CVR, ATC, radar, and impact site data sets. These data sets constrain United 93′s impact time to within 1 second, are airplane- and crash-site specific, and are based on time codes automatically recorded in the ATC audiotapes for the FAA centers and correlated with each data set in a process internationally accepted within the aviation accident investigation community. Furthermore, one of the study’s principal authors now concedes that “seismic data is not definitive for the impact of UA 93.” Email from Won-Young Kim to the Commission,”Re: UA Flight 93,”July 7, 2004; see also Won-Young Kim,”Seismic Observations for UA Flight 93 Crash near Shanksville, Pennsylvania during September 11, 2001,” July 5, 2004.

Seit 2004 ist die Frage nach der crash-Zeit schlüssig beantwortet, durch den 9/11 CR. Miles Kara, Mitarbeiter im zugehörigen Kommissionsteam, fächert die Quellenkritik detailliert auf seiner Webseite auf. Die resignierte Schlussfolgerung Karas bezieht sich nicht auf Davidssons Text von 2011, passt aber ausnehmend gut.

We spent considerable time running the seismic issue to ground. Yet the answer did not matter, it wasn’t the “right” answer. During the reading of Staff Statement 17 at the final air defense hearing we presented the list of sources for 10:03 time of impact for UA 93. Behind us, someone in the audience commented, what about the seismic data?
Questions answered that don’t provide the expected or wanted answer become … more questions.

2. Revolte auf dem Kopf?

Der Widerspruch:

We are told that hijackers were on the verge of being overwhelmed by passengers while the plane was apparently flying upside down.

Davidsson bezieht sich auf folgende Passage bei CNN (zitiert aus dem 9/11 CR, S. 14):

The airplane headed down; the control wheel was turned hard to the right. The airplane rolled onto its back, and one of the hijackers began shouting, ‘Allah is the greatest. Allah is the greatest.’
“With the sounds of the passenger counter-attack continuing, the aircraft plowed into an empty field in Shanksville, Pennsylvania, at 580 miles per hour, about 20 minutes’ flying time from Washington, D.C.”

Daviddsons Skepsis hat eine faktische Basis: Eine Passagierrevolte in einem Flugzeug, das auf dem Rücken fliegt, ist kaum denkbar.
Davidssons Skepsis ist dennoch Haarspalterei. Er wäre zielführend, würde sich das Flugzeug über den kompletten Zeitraum der proklamierten Passagierrevolte auf dem Rücken befinden. Tatsächlich geht es hier jedoch um einen Zeitraum weniger Sekunden kurz vor dem Einschlag. Das Flugzeug drehte sich den FDR-Daten zufolge um 10:02:57 auf die rechte Seite, um 10:03:01 nahezu komplett auf die Rückseite und rammte um 10:03:11 den Boden. Einschlägig sind hierbei die Rollwinkelwerte des FDR (Rechtsklick & “Ziel speichern unter”, Quelle) – positive Rollwinkelwerte bedeuten ein Senken der rechten Tragfläche. Eine auf FOIA-Anfrage freigegebene NTSB-Animation (MPEG4, 800MB) zeigt den Flug und das finale Manöver.
Das Manöver umfasst demnach lediglich die letzten 15 Sekunden des Fluges, während die Passagierrevolte dem CVR-Transkript nach gegen 09:57 beginnt. Das Transkript vermerkt für den Zeitraum der letzten 15 Sekunden lediglich ein einzelnes „No“ um 10:03:07, das der Passagierrevolte zugeordnet werden kann. Alles andere wird also Geräusch oder anderweitig nur schwer identifizierbar gewesen sein. Dass der 9/11 CR diese Kulisse als “[w]ith the sounds of the passenger counter-attack continuing” beschreibt, mag man eine unpräzise Verdichtung nennen – aber Davidsson will mehr als nur ungenaues Sprechen kritisieren.

3. Hoch oder runter?

Der Widerspruch:

In the 2002 version a hijacker is claimed to have shouted “pull it up, pull it up”. Now the hijacker is said to have shouted “pull it town [sic], pull it down.”

Falsch. Die „pull up“-Erinnerungen der Angehörigen beziehen sich auf Ausrufe der Passagiere, nicht der Attentäter. NYT-Reporter Jere Longman, der im Epilog seines Buchs Among the Heroes die Erinnerungen der Angehörigen zur Aufnahme des CVR zusammenfasst, schreibt:

Near the end of the tape, muted voices seemed to grow louder, closer. The scuffling continued. `I’m injured,’ someone said in English. More shouting: `Roll it’ and `Pull it up’ or `lift it up’ or `turn up.’ A final rushing sound could be heard, and about three minutes after 10, the tape went silent. It is not known what the final shouts referred to.

(Longman, Among the Heroes, S. 271)

Near the end you hear — in English — words, ‘roll it up,’ and ‘lift it up,’ or ‘turn it up,’ or ‘pull it up.’ The families have taken that as a sign that they were — the passengers and perhaps crew — were trying to take control of the plane.

Longman bei MSNBC

Eine Variation der “pull up”-Erinnerung findet sich auch bei Lyz Glick, deren Mann Jeremy Glick sich an Bord des Fluges befand.

Then you heard someone yell, “Pull up! Get her up!”

(Glick, Your Father´s Voice, S. 145)

Oder eben bei Vaughn Hoglan, dem Onkel von Mark Bingham, auf den Davidsson sich bezieht:

Vaughn Hoglan, the uncle of passenger Mark Bingham, said by phone from California that near the end there are shouts of “pull up, pull up,” but the end of the tape “is inferred – there’s no impact.”

Das Transkript vermerkt den englischen Ausruf “Turn it up” um 10:02:17.

4. Allahu akbar?

Der Widerspruch:

On the new version one of the hijackers allegedly shouts: “Allah is the greatest. Allah is the greatest”. No relative who listened to the recording in 2002, mentioned these religious exclamations.

Auch dieser Ausruf tauchte von Anfang an auf, etwa bei Jere Longman (S. 217):

The hijackers could be heard praying: „God is great.“

Newsweek 2001:

The hijackers cry out, “God is great!”

Auch Lisa Beamer, Frau von Todd Beamer, der an Bord des Fluges war, schreibt:

The hijackers shout, „Allahu akbar!“ God is great!

(Beamer, Let´s Roll, S. 215)

5. Singular? Plural?

Der Widerspruch:

In 2006 the story changed again. […] In this version not one but all of the hijackers are shouting “Allah is the greatest! Allah is the greatest!”

Die mokierte Stelle aus einem beliebigen Medium:

In its final plunge, the hijackers shout over and over in Arabic: “Allah is the greatest! Allah is the greatest!”

Der Einwand macht wenig Sinn, da der Plural sowohl erklärbar ist (da sowohl einer als auch alle Attentäter im Cockpit den Ausruf zu verschiedenen Zeitpunkten getätigt haben können) wie er auch bereits lange vor 2006 auftauchte (u.a. bei Newsweek 2001, s.o., oder bei Jere Longman, s.o.). Von einem “story change” kann also auch hier keine Rede sein.

Ergebnis: Der 9/11 CR beschreibt einen 15-Sekunden-Zeitraum nicht präzise. Alle anderen angeblichen CVR-Widersprüche sind hausgemacht. Davidsson legt keine “evidence of fraud regarding flight UA93’s Cockpit Voice Recorder” vor.

3. Wisnewski

Auch ein anonymer Pilot erklärt über die Webseite von Gerhard Wisnewski die Abschrift des CVR zur Fälschung. Das Transkript deute „darauf hin, daß die Aufzeichnung von Flug 93 nicht in einem Cockpit, sondern in einem Studio entstanden ist“. Die detaillierte Begründung:

  • Die angebliche Abschrift differenziert nicht, wer was sagt bzw. woher die jeweilige Äußerung kommt; ein echter CVR hat normalerweise vier Kanäle, die Abschrift gibt nur einen wieder…
  • das angebliche Aufzeichnungsprotokoll gibt die Zeit in Ortszeit an und nicht in Universal Time (UTC), wie sonst üblich;
  • es fehlen sämtliche Hintergrundmeldungen, die in einem Cockpit speziell in dieser Situation normalerweise zu erwarten wären, zum Beispiel Meldungen des Radarhöhenmessers, “der – je nach Konfiguration der Fluggesellschaft –  die letzten Fuß über Grund zählt, um dem Piloten eine Unterstützung in den letzten Sekunden des Anfluges zu geben [z.B. 'fifty, fourty, thirty, twenty, ten']; ebenfalls hätte man Warnungen u.a. des GPWS [Ground Proximity Warning System] hören müssen”, so der mir bekannte Flieger.

Jeder dieser drei Punkte ist obsolet.
Punkt 1: Das Transkript differenziere nicht zwischen Kanälen. Obsolet. Es existiert eine von FBI und NTSB für die 9/11 Kommission gefertigte Abschrift, die die eingeforderte Differenzierung enthält. Die hiervon abweichende Transkriptversion, auf die Wisnewski bzw. der anonyme Pilot sich beziehen, war lediglich als Beigabe für die Teilnehmer der Verhandlungen am Moussaoui-Prozess gedacht und in keinem Sinne ein „offizielles“ NTSB-Dokument, erkennbar an der fehlenden Zuordnung zu irgend einem Produzenten.
Punkt 2: Die Zeiten seien nicht in UTC angegeben. Obsolet. Es existiert keine Regelung, die UTC-Angaben vorschreibt, vgl. bspw. die NTSB-Transkripte zum CVR von Colgan Air Flight 3407 (Zeiten in EST), einer als Polizeihubschrauber verwendeten Sikorsky S-61N (Zeiten in PDT) oder zu American Airlines Flight 965 (Zeiten in EST).
Punkt 3: Der Radarhöhenmesser sendete keine Warnungen. Genauer geht es hierbei um ein System namens GPWS.

In einem mit einem Ground Proximity Warning System ausgerüsteten Flugzeug werden in niedriger Flughöhe unter 762 m Radiohöhe (2500 ft) aus verschiedenen Daten Kriterien abgeleitet, bei deren Unterschreitung ein Alarm im Cockpit ausgelöst wird. (Wikipedia)

Das heißt: Ein Pilot, dessen Flugzeug mit einem GPWS ausgestattet ist, wird bei Bodennäherungen Warnungen im Cockpit erhalten, sowohl akustisch als auch visuell.
Der NTSB-Report zu den Daten des FDR, S. 38, listet das Datum „GPWS Alert“ in seiner Matrix als „Not true“. Den FDR-Daten zufolge gab es also im Fall des Fluges UA 93 keine GPWS-Warnungen, selbst im finalen Sturzflug an der Grenze zur Schallgeschwindigkeit. Entsprechend sind auch im CVR-Transkript zwar Warnungen des Autopiloten, jedoch keine Warnungen des GPWS vermerkt.
Auch diese Anomalie klärt sich jedoch, wenn man begreift, wie die Warnungen des GPWS generiert werden. Denn GPWS basiert auf den Angaben des Radarhöhenmessers [radar/radio altimeter] zur Radarhöhe [radar/radio height] des Flugzeugs:

The original GPWS helped to eliminate CFIT incidents by analyzing the AGL altitude as measured by a radar altimeter for trends that would indicate a potential for collision with the ground.

(Helfrick, Albert: Principles of Avionics, S. 121)

GPWS immediate aural alerts are radio altitude based, and derived from the inputs provided to the system and are available from 30 ft and higher.

(Taylor, John: Operation of GPWS, S. 3)

Im Klartext: Der Radarhöhenmesser am Boden des Flugzeugs misst die Radarhöhe und wird hierbei ein kritischer Wert unterschritten, generiert das GPWS eine Warnung.
Neigt sich das Flugzeug, bspw. in einem Sturzflug, wird der Sensor des Radarhöhenmessers nicht mehr steil nach unten zeigen, sondern in einem schrägen Winkel – entsprechend wird der Wert verzerrt. Genau deswegen wird GPWS in Fachkreisen kritisiert.

The Federal Aviation Administration attempted to reduce the incidence of CFIT by mandating in 1974 that aircraft operate with Ground Proximity Warning Systems (GPWS). But the systems had limitations. GPWS relied on the airplane’s radio altimeter, which determines the aircraft’s altitude by bouncing a radar signal off the ground and measuring the duration of the signal’s round trip. “The sensor was looking straight down,” says Greg Francois of Honeywell Aerospace. “If you were going into very steep terrain, then you got a very short warning”—10 to 15 seconds or less. And GPWS cockpit displays were crude; their sole visual warnings were lights. Even with GPWS, the pilot of that F-28 still flew his airplane into a mountain.

UA 93 ist ein weiterer Beispiel, welches die Limitierung des GPWS anzeigt. Das Flugzeug flog nicht nur sehr steil nach unten, sondern drehte sich in den letzten 15 Sekunden auch nahezu komplett auf den Rücken. Die letzten Radarhöhenwerte des Fluges bewegen sich deshalb konsequent über 4500 Fuß: 4810, 4675, 4540, 4590, 4710, 4817, 4830, 4590, 4710, 4817, 4830, 4590, 4710, 4817 (Vgl. die Rollwinkel-, Längeneigungs- und Radarhöhenwerte des FDR in den letzten Sekunden hier, Download über Rechtsklick und “Speichern unter”.)
Die Werte reflektieren nicht den Sturzflug – entsprechend wird auch ein System, das mit diesen Werten operiert, ihn nicht registrieren. Deshalb gibt es keine GPWS-Warnungen.
Die über Luftdruck ermittelten Werte im selben Zeitraum zeigen dagegen den rapiden Sturzflug an: 6301, 6135, 5984, 5813, 5618, 5402, 5173, 4886, 4552, 4157, 3750, 3294, 2764, 2189 (Vgl. die Druckhöhenwerte des FDR in den letzten Sekunden hier, Download über Rechtsklick und “Speichern unter”.)

Fazit: Im CVR-Transkript von UA 93 taucht keine GPWS-Warnung auf, weil es keine gab. In den Daten des FDR taucht keine GPWS-Warnung auf, weil es keine gab. Es gab keine GPWS-Warnung, weil das GPWS von UA 93 auf den Höhenangaben des Bordradars von UA 93 beruhte und diese der Neigung und Drehung des Flugzeugs wegen nicht die reale Höhe des Flugzeugs reflektierten.
Auch dieser Einwand Wisnewskis ist somit obsolet.

4. Davidsson, Teil II

Im Jahr 2013 veröffentlichte Elias Davidsson das Buch Hijacking America´s Mind on 9/11. Ein komplettes Kapitel (S. 95-103) widmet sich dem CVR von UA 93. Die Schlussfolgerung im Buch ist identisch mit der Argumentation des oben zitierten Artikels von 2011 (s.o. Punkt 2), vgl. Davidsson, Hijacking America´s Mind, S. 99f.:

We have here three different versions of one and the same CVR. Logically, there can only be one definitive version of the CVR, not three. At least two of these versions, if not all three, are fake.

Neben den Einwänden von 2011 reichert Davidsson seine Argumentation mit weiteren Beispielen an. Das Markante an der Arbeitsweise ist hierbei, dass Davidssons Feststellungen häufig nicht falsch sind – sie sind nur als ernsthafter Einwand nicht tragfähig. Drei Schnappschüsse verdeutlichen das Vorgehen ebenso wie Niveau der Kritik.

Schnappschuss 1 – Arabischsprechen

Davidsson bezieht sich auf Deena Burnett, die Ehefrau von Tom Burnett, der an Bord von UA 93 starb. Deena Burnett rekapituliert in einem eigenen Buch das Erlebnis, erstmals die CVR-Aufnahmen von UA 93 anhören zu können.
Davidsson kommentiert Burnetts Rekapitulation mit Bemerkungen, die von Zweifel geprägt sind (S. 97, meine Herv.):

At one point she wrote: „I could hear one [hijacker] instructing the other on how to fly the plane … One hijacker pilot was yelling at the second, telling him he was touching the wrong buttons. `Get the pilot back up here to turn off these alarms,´ he said.” (p. 202) She does not indicate whether they talked in English, whether she understood Arabic or whether she relied on the Transcript. The transcript, incidentally, does not mention anything about turning off these alarms. She wrote that she “heard” one of the hijackers say, “Should I finish it off?” and another hijacker said, “No, not yet,” (p. 204) but according to the transcript of the CVR, these phrases were also said in Arabic.

Ziellose Haarspalterei – es besteht methodisch kein Unterschied zwischen 2011 und 2013. Denn:
Erstens, in Burnetts Buch steht explizit, dass auch das Transkript, das den Familien auf einer Leinwand parallel zum Abspielen der Audioaufnahme gezeigt wurde, die arabischen Passagen in englischer Übersetzung enthielt. Burnett zitiert den zur Sitzung anwesenden Anwalt Dave Novak mit den Worten. „We have translated all Arabic into English. You´ll be able to tell whether it´s an American voice or an Arabic voice by looking at the transcript.” (Burnett, Fighting Back, S. 201)
Aber dieser grundsätzliche Verweis reicht Davidsson nicht. Solange Burnett nicht bei jeder einzelnen Hijacker-Äußerung darauf hinweist, dass die entsprechende Passage laut Transkript ja in Arabisch geäußert wurde, wird dies kommentiert. Solange auch nur eine Frage offen bleibt, und sei sie noch so marginal und unbedeutend, bleibt Raum für Zweifel.
Zweitens, das Transkript enthält folgende Passage:

[The sound of numerous snaps]
[ATIS stops on co-pilot's number 2 radio channel, and cockpit crew speaker]
This does not work now.
[The sound of a click]
[The sound of auto-pilot disconnect warning starts]
Turn it off.
[U/I] … Seven thousand…
How about we let them in? We let the guys in, now.
Okay.
Should we let the guys in?
Inform them, and tell him to talk to the pilot. Bring the pilot back.
[The sound of auto-pilot disconnect warning stops]
[The sound of four alert tones]

Burnett verdichtet dieses Geschehen in dem Satz: “`Get the pilot back up here to turn off these alarms,´ he said.” (Burnett, Fighting Back, S. 202)
Auch diese Verdichtung ist Davidsson Anlass für Zweifel: “The transcript, incidentally, does not mention anything about turning off these alarms.” (S. 97) Die Nebenbeibemerkung ist abermals sachlich korrekt, aber als Einwand gegen die Authentizität von Burnetts Erinnerung oder des Transkripts ebenso ziellos, denn das Transkript enthält zwar die Phrase „to turn off these alarms“ nicht verbatim, zeigt aber andererseits den Kontext der Aufforderung, den Piloten zu holen, und dieser Kontext sind die Technikprobleme der Hijacker.

Schnappschuss 2 – NTSB vs. FBI

Davidsson schürt über mehrere Seiten Zweifel anhand der Informationspolitik des FBI. Routinemäßig werden hierbei das FBI und das NTSB vermengt (anderer Protagonist, derselbe Fehler). Ein subtiles Beispiel für diese Vermengung (Davidsson, Hijacking America´s Mind, S. 96, meine Herv.):

According to Philly News of November 18, 2001, the FBI refused to release data from either of the critical “black boxes”. Citing the ongoing war on terrorism, the FBI can´t say when it will release the data – or indeed, if it ever will. Yet, earlier in November, flight AA587 crashed in New York and federal officials released detailed information about the cockpit recorder in less than 36 hours.

Der der Philly News entnommene Vergleich  ist abermals nicht der dargestellten Fakten wegen falsch, sondern des irreführendenden Kontextes wegen. Denn die Attacken von 9/11 und der Unfall von AA 587 am 12.11.2001 unterschieden sich in nicht unwesentlicher Hinsicht: Im Fall 9/11 war ab 09:03 Uhr klar, dass es sich nicht um einen Unfall handelte. Entsprechend war von Anfang an das FBI die leitende Untersuchungsbehörde und das NTSB „nur“ als Hilfsbehörde beteiligt (Details).

The National Transportation Safety Board is providing technical assistance to the Federal Bureau of Investigation, which is the lead agency investigating the terrorist attacks of September 11. (NTSB Press Release, 09/13/29001)

Im Fall AA 587 war die Anfangshypothese von Beginn an ein Unfall und entsprechend die Sachlage umgekehrt: Das NTSB war leitende Untersuchungsbehörde und das FBI „nur“ Hilfsbehörde.

Authorities do not believe that the crash was a terrorist act but are not ruling anything out, a White House official said. However, the NTSB is taking the lead on the investigation and not the FBI, further signaling that officials believe the plane went down because of a malfunction and not because of foul play. (SF Gate, 11/13/2001)

“Everything points to an accident,” said Marion Blakey, chairwoman of the NTSB. “The communications from the cockpit were normal up until the last few seconds before the crash.”
Officials said they had no reason to believe the incident was the result of a terrorist act, although FBI investigators are participating in the probe. (ABC News, 11/13/2001)

Blakey said the FBI would be contacted immediately if investigators uncover any evidence of criminal activity involved in the crash. She said she has been in close touch with FBI Director Robert Mueller since the crash early Monday. (CNN, 11/13/2001)

Since the crash of flight 587, Safety Board Chairman Marion C. Blakey and Federal Bureau of Investigation Director Robert Mueller have remained in contact and the FBI has been an active participant in the investigation. So far, the Safety Board has found nothing in the wreckage or the flight recorder information to indicate that the crash of flight 587 was anything other than an aviation accident. (NTSB Press Release, 11/20/2001)

Der Vergleich der “federal officials” 9/11 vs. 11/13 übergeht also den Unterschied, dass es sich bei den “federal officials” um Vertreter zweier verschiedener Behörden handelt, dass diese zwei Behörden verschiedene Aufgabenstellungen verfolgen und dass diese zwei Behörden deshalb prinzipiell eine unterschiedliche Informationspolitik verfolgen – ein Unterschied, der schon vor 9/11 und 11/13 bekannt war:

[T]he majority of information obtained by the NTSB during the course of an investigation is made available to the public, but the FBI usually restricts the release of the evidence that it gathers during a criminal investigation. (NTSB Witness Group Chairman´s Factual Report TWA 800, 02/09/2000)

Man kann die Informationspolitik 9/11 und 11/13 vergleichen – dann aber auch mit Blick darauf, dass nicht nur der Fall, sondern auch die Untersuchungsbehörde eine andere ist.
Man kann die Informationspolitik des FBI kritisieren – dann aber nicht mit der Suggestion, das Beispiel 9/11 markiere den Ausnahmefall, sondern den Regelfall.

Schnappschuss 3 – Transparenz und Juristerei

Die Ambiguität des Zweifels verdeutlicht ein drittes Beispiel besonders eindrücklich, weil der Zweifel intuitiv einsichtig ist – aber die Intuition nicht faktengedeckt.
Davidsson vermisst das Deckblatt zum Transkript des CVR, d.h. eine Nennung des Produzenten, der zugehörigen CVR-Seriennummer und vergleichbarer Daten. Er verweist hierfür als Vergleichsbeispiel auf “[a]n example of a authentic CVR analysis” (S. 101), die alle Daten enthalte, die er fordert: Das Transkript zum Absturz von Pinnacle Flight 3701 am 14.10.2004.
Dieses Transkript ist jedoch abermals vom NTSB erstellt worden. Die zugrundeliegenden Richtlinien zum Deckblatt spiegelt das CVR Handbook des NTSB wieder, hier insbesondere Punkt 9 und Anhang C.
Diese NTSB-Regeln gelten jedoch nicht, wenn nicht das NTSB, sondern das FBI federführende Ermittlungsbehörde ist und wenn nicht das NTSB das Transkript an die Öffentlichkeit bringt, sondern das FBI.

Dennoch geht Davidsons Kritik nicht völlig ins Leere, denn der andere Produzent bedeutet natürlich nicht zwingend, dass nicht vergleichbare Regeln gelten würden – zweifellos wäre ein gestempeltes und unterschriebenes Transkript “besser” als ein ungestempeltes und nicht-unterschriebenes. Die Frage ist jedoch: Besser wofür?
Das Transkript aus den Unterlagen der 9/11 Kommission diente “nur” als Hilfestellung für die 9/11 Kommission – die originale CVR-Aufnahme lag der Kommission vor.
Das Transkript aus dem Moussaoui-Prozess diente “nur” den Zuhörern als Hilfestellung im Prozess – die originale CVR-Aufnahme lag dem Gericht vor.
Doch das reicht Davidsson nicht. Zum einen verlangt er ein beglaubigtes Transkript für die Öffentlichkeit.

It may be retorted that the transcript was not meant to have a probative value, as its function was only to help listeners follow the audio version. But that transcript was officially released as the sole public representation of the CVR. (S. 102)

Ich unterstütze das Begehren der Transparenz. Als einzige “offizielle” Wiederspiegelung des Inhalts des CVR würde eine konkrete Zuordnung die Glaubwürdigkeit des Dokuments gegenüber der breiten Öffentlichkeit stärken.
Davidssons Zweifel reicht indes tiefer. So versucht er zum zweiten, seinen Zweifel unter Berufung auf einen Artikel von Tom Flocco juristisch zu untermauern. Davidsson platziert diesen juristischen Einwand in seiner Diskussion des Moussaoui-Prozesses (vgl. S. 97f.). So würden nach Flocco und Davidsson selbst “lawyer´s for Ness-Motley´s” aussagen: “None of the lawyers have had access to the tapes, transcriptions, or the actual raw data in the recorders” (vgl. S. 98). Die Informationslosigkeit beträfe demnach nicht nur die breite Öffentlichkeit, sondern sogar unmittelbar an den juristischen Auseinandersetzungen beteiligte Anwälte.
Die selbstbewusste Ankündigung des Kanzleivertreters von Ness-Motley lautete dem Flocco-Artikel zufolge anno November 2002:

I am sure that [when this case reaches the courtroom], any jury will want to hear authentic tapes directly transcribed from the VCR’s [from United 93 and American 77],” Elsner told us, adding that “Ness – Motley will also want to independently verify that any 9/11 VCR conversations we are listening to in court are complete, unaltered and derived from the actual [memory chips] inside the VCRs — those in operation in the planes that day.  We are litigating this matter on behalf of our clients to find out the truth.

Die Berufung auf diesen Anwalt ist jedoch aus mehreren Gründen irreführend und schadet Davidssons Argument mehr als sie nutzt.
Erstens, die Anwälte von Ness-Motley bzw. der Nachfolgekanzlei Motley-Rice haben nichts mit dem Fall Moussaoui zu tun. Sie vertraten und vertreten bis heute Hinterbliebene von Opfern der 9/11-Anschläge gegen u.a. prominente Saudis, denen die Finanzierung Al-Qaidas nachgesagt wird. Dies geht bereits aus dem Flocco-Artikel hervor, vgl. auch die Webseite der Kanzlei und die originale Anklageschrift. Auf diesen Kontext bezieht sich auch die Bemerkung zum CVR von UA 93.

Zweitens, im September 2007 erhielten die Konfliktparteien und der zuständige Richter in einem Prozess, bei dem Motley-Rice 9/11-Familien gegen eine Sicherheitsfirma vertrat (Details), den geforderten Zugang zur Aufnahme (vgl. den diesbezüglichen Hellerstein-Richtspruch). Kein Zweifel an der Authentizität der Aufnahme erreichte je die Öffentlichkeit.

Drittens, auch im Fall Moussaoui war der CVR von UA 93 Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen – die Authentizität gehörte jedoch auch hier nicht dazu.
Am 08.08.2002 kündigte die Klägerpartei – die US-Regierung – an, den CVR von UA 93 als Beweismittel in den Prozess einzubringen. Aus der Anfrage an das zuständige Gericht geht u.a. hervor, dass auch die Verteidigung eine Kopie des CVR erhalten habe und dass die Klägerpartei gegen eine Veröffentlichung der CVR-Aufnahme plädiere (Quelle).
Am 19.08.2002 erhob die Medien-Holding Gannett Satellite Information Network Inc. Einspruch gegen die Nichtveröffentlichung der Aufnahme (Quelle, Quelle).
Am 20.08.2002 befahl die zuständige Richterin der Anklage die Vorlage des CVR beim Gericht für ein In-camera-Verfahren zur weiteren Entscheidungsfindung (Quelle).
Am 12.09.2002 plädierte die Verteidigung nach eigener Sichtung des CVR für die Nichtveröffentlichung des CVR. Die Authentizität der Aufnahme selbst wird nicht bezweifelt (Quelle).
Am 13.09.2002 forderte das Gericht nach eigener Sichtung des CVR die Klägerpartei auf, den Beweiswert der Aufnahme nachzuweisen. Die Authentizität der Aufnahme selbst wird nicht bezweifelt (Quelle).
Am 24.09.2002 erklärte die Klägerpartei die Relevanz (Quelle).
Alle drei beteiligten Parteien akzeptieren demnach die Authentizität der Aufnahme. Alle drei Parteien hatten Zugriff auf die Aufnahme. Alle drei Parteien hatten Zeit, die Authentizität der Aufnahme zu überprüfen und bei Bedarf bezweifeln. Keine Partei sah einen Anlass dazu.
Mehrere Jahre und geschlossene Sitzungen später, am 5. April 2006, erklärte die zuständige Richterin das Vorspielen der Aufnahme in einer offenen Sitzung für zulässig (Quelle).
Davidssons Versuch, den eigenen Authentizitätszweifel auf die juristische Fachvertreterebene zu spiegeln, schlägt also in beiden Fällen, Ness-Motley wie Moussaoui-Prozess, fehl. Zurück bleiben der wenig überzeugend begründete Fälschungsverdacht ebenso wie die berechtigte Forderung nach Rechenschaftspflicht der zuständigen Behörden, hier insbesondere des FBI, gegenüber der Öffentlichkeit.

 

Nachtrag, 7. Dezember 2015: Im Jahr 2012 wiederbelebte Mark Gaffney in Black 9/11, S. 192ff. den Einwand, die seismischen Daten würden der offiziellen Absturzzeit von UA 93 widersprechen (vgl. dazu oben Punkt 2).
Gaffney versucht sich immerhin an einer losen Verifikation, indem er Terry Wallace, einen der Zuarbeiter der zur Debatte stehenden seismologischen Studie, kontaktiert. Dieser teilt ihm mit, die seismischen Daten seien

consistent with an impact at 10:06; however, the quality of the data do not preclude an earlier impact – there simply are not enough seismic data (number of stations, or signal-to-noise on the available stations) to reject/verify a 10:03 impact.
(Terry Wallace, zit. n. Black 9/11, S. 193)

„consistent with“, „do not preclude“, “not enough seismic data to verify/reject“ – die Relativierung der eigenen Ergebnisse deckt sich mit der Aussage von Hauptautor Won-Young Kin, dass “seismic data is not definitive for the impact of UA 93”. Dass Gaffney aus diesen Relativierungen folgert „[t]he seismic data conflicts with the official crash time“ (ebd.), ist ebenso unlauter wie die Ignoranz gegenüber dem großen Korpus an Daten, der die „offizielle Absturzzeit belegt. (Die Infrarotgraphen wurden übrigens inzwischen freigegeben.)

Literatur

Beamer, Lisa/Abraham, Ken: Let’s Roll! Ordinary People, Extraordinary Courage. Wheaton: Tyndale House 2002

Burnett, Deena/Giombetti, Anthony: Fighting Back, Living Life Beyond Ourselves. Longwood: Advantages Books 2006

Davidsson, Elias: Hijacking America´s Mind on 9/11. Counterfeiting Evidence. New York: Alghora Publishing 2013

Gaffney, Mark: Black 9/11. Money, Motiv, and Technology. Walterville: Trine Day 2012

Glick, Lyz/Zegart, Dan: Your Father’s Voice: Letters for Emmy about Life with Jeremy – and without Him after 9/11. New York: St. Martin’s Griffin 2005

Helfrick, Albert: Principles of Avionics, 6th Edition. Avionics Communications Inc. 2012

Longman, Jere: Among the Heroes: United Flight 93 and the Passengers and Crew who fought back. New York: HarperCollins 2002

Taylor, John: Operation of Ground Proximity Warning System and Terrain Avoidance Warning System. International Civil Aviation Organization (ICAO) Working Paper. Aeronautical Communications Panel (ACP). Dakar, Senegal 6 – 14 October 2011

Thanks to Warren Stutt for FDR data and readout assistance.

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