Die späte Information über AA 77

Die immer gleichen Methodenfehler

Über 9/11 sind Millionen Worte aus unterschiedlichster Quelle geschrieben worden. Zu demselben Sachverhalt findet man häufig mehrere sich widersprechende Abläufe und/oder Erklärungen. Die reicht von übergreifenden Fragen wie den Ursachen von 9/11 bis hin zu Detailfragen wie Minutenzeiträumen während der Flugzeugentführungen.

Während ein Ereignis jedoch durchaus mehrere Ursachen haben kann, hat es nur einen Ablauf. Zeit ist linear und in unserer Realität gibt es deshalb immer genau einen Ablauf. Daraus folgt zwingend: Alle Darstellungen  des Ablaufs eines Ereignisses bis auf eine sind falsch.
Diese einfache Erkenntnis gilt für 9/11 wie für jedes andere Ereignis dieser Welt. Ihr folgt die epistemologische Frage danach, wie man (i) eine Falschdarstellung und (ii) die korrekte Darstellung identifiziert. Die Ausführungen auf diesen Seiten basieren auf der Annahme, dass es hierfür unerlässlich ist, die Quelle einer Darstellung auf ihre epistemische Verlässlichkeit zu überprüfen – einige Quellen sind „näher dran“ an einem Ereignis als andere und entsprechend verlässlicher. Aus der Verlässlichkeit ergibt sich eine Hierarchie der Quellen:
(i) Primärdaten (Radar, Tapes u.ä.)
(ii) Aussagen aus erster Hand (Beteiligte, Reporte der Institutionen)
(iii) Aussagen aus zweiter Hand (Medien u.ä.)
Das Erstellen einer Quellhierarchie ist eine Grundsatzentscheidung, die alles künftige Arbeiten mit dem Quellmaterial beeinflusst.

Doch so einleuchtend eine solche Entscheidung für einen lösungsorientierten Zugang ist, so dubios ist sie für einen Anomalien-orientierten. Viele Gegner der „offiziellen Version“ wählen auf dieser grundsätzlichen Ebene einen anderen Weg und nehmen keine Quellenhierarchisierung vor. Dies kann man natürlich tun – wenn man sich anschließend jeglichen Urteils enthält.
Doch Gegner der „offiziellen Version“ nutzen die fehlende Hierarchisierung häufig für unseriöses Zweifelschüren, bei dem jeweils die Quelle als verlässlich zählt, die gerade für ein eigenes Narrativ nützlich erscheint. Einzelne Augenzeugen werden für heilig erklärt. Einzelne Medienberichte immer wieder zitiert. Ein Abgleich mit den Primärdaten des Tages findet nicht statt.
Diese methodische Unzulänglichkeit trifft alle hier behandelten Protagonisten des deutschsprachigen 9/11 Truth Movement gleichermaßen, wenngleich der Grad der Verwirrung bzw. Irreführung je nach Protagonist unterschiedlich ist (Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp., Bsp.).
Unseriös und unangemessen ist ein solches Vorgehen, weil man damit den Umgang mit dem Quellmaterial jeglicher methodischen Kontrolle entzieht. Die korrekte Darstellung wird so, wenn, dann nur zufällig, die falschen Darstellungen werden damit, wenn, dann nur zufällig identifiziert. Zugleich beraubt man sich jeglichen Kriteriums, anhand dessen man erkennen kann, ob man eine korrekte oder eine falsche Darstellung identifiziert hat.

Ein führender Protagonist

Die fehlende Quellenhierarchisierung ist natürlich kein Alleinstellungsmerkmal der deutschsprachigen Gegner der „offiziellen Version“ (oder der Protagonisten des 9/11 Truth Movement überhaupt). Ein relativ früher Protagonist hat im angelsächsischen Raum sehr dazu beigetragen, diesen Methodenfehler unter dem Deckmantel wissenschaftlichen Arbeitens salonfähig zu machen. Es handelt sich um den emeritierten Theologen/Religionsphilosophen David Ray Griffin, der seit 2004 zehn Bücher über 9/11 veröffentlicht hat. Die Kritik an der Arbeit von Griffin ist zahlreich (vgl. z.B. 911myths.com) und kam zwischenzeitlich auch aus den „eigenen Reihen“.
Eine Initiative zum zehnjährigen Jahrestag der Anschläge zeigt indes, dass Griffin nach wie vor prägend für das Meinungsbild von Gegnern der „offiziellen Version“ ist. Im Herbst 2011 wurde das sog. 9/11 Consensus Panel gegründet – eine Vereinigung von Wissenschaftlern mit dem Ziel, anhand der Delphi-Methode “the best evidence against each particular [9/11] claim that the Panel addresses“ zu ermitteln (Selbstbeschreibung).
Gründer der Vereinigung sind David Ray Griffin und Elizabeth Woodworth, eine Bewunderin von Griffins Arbeit zu 9/11 (vgl. Administration).
Die Auswahl der Punkte, die dem Panel vorgelegt werden, übernehmen Griffin und Woodworth (vgl. Methodology).
Die vorgestellten Literaturempfehlungen werden von den Büchern Griffins angeführt (vgl. References).
Und wenig überraschend basieren auch die „9/11 Consensus Points“, d.h. die Punkte, bei denen das Panel übereinstimmend ein Problem für die „offizielle Version“ erkennt, maßgeblich auf Vorlagen von Griffin, zumindest was die für diese Webseite relevanten Punkte betrifft. Leider übernimmt das Panel dabei ungeprüft die methodischen Unzulänglichkeiten des Stichwortgebers. Ein Beispiel hierfür ist die Berufung auf ein Statement der FAA-Mitarbeiterin Laura Brown.

Das Brown-Statement

Laura Brown ist in der PR-Abteilung der FAA tätig. Am 22. Mai 2003 sendete sie der 9/11 Kommission auf Nachfrage eine E-Mail mit dem Betreff „FAA communications with NORAD on September 11, 2001“. Der Wortlaut der E-Mail:

Within minutes after the first aircraft hit the World Trade Center, the FAA immediately established several phone bridges that included FAA field facilities, the FAA command center, FAA headquarters, DOD, the Secret Service and other government agencies. The U.S. Air Force liaison to the FAA immediately joined the FAA headquarters phone bridge and established contact with NORAD on a separate line. The FAA shared real-time information on the phone bridges about the unfolding events, including information about loss of communication with aircraft, loss of transponder signals, unauthorized changes in course, and other actions being taken by all the flights of interest, including Flight 77. Other parties on the phone bridges in turn shared information about actions they were taken. NORAD logs indicate that the FAA made formal notification about American Flight 77 at 9:24 a.m. But information about the flight was conveyed continuously during the phone bridges before the formal notification.

Einen Tag darauf wurde Browns E-Mail im Rahmen eines Hearings der 9/11 Kommission von Kommissionsmitglied Richard Ben-Veniste komplett verlesen. Ben-Veniste zufolge ist das Statement “authored by two individuals, high level individuals at FAA, Mr. Asmus and Ms. Schuessler.”

Aus der E-Mail von Brown gehen verschiedene Informationen hervor:
- Die FAA erstellte ab kurz [within minutes] nach dem ersten Anschlag Telefonbrücken, einige intern (ARTCCs, ATCSCC Herndon, HQ), einige extern (DoD, USSS, andere Regierungseinrichtungen).
- Die Telefonbrücke von FAA HQ wurde unverzüglich [immediately] von einem Offizier der USAF begleitet, der in einer separaten Brücke Kontakt zu NORAD herstellte.
- Informationen zu den entführten Flügen wurden in Realzeit über diese Telefonbrücken vermittelt.
- Laut den NORAD-Logs erfuhr NORAD um 09:24 Uhr von AA 77.
- Informationen zu AA 77 wurden jedoch in Realzeit (ergo ab kurz vor 09:00 Uhr) über die Telefonbrücken vermittelt.

Die dichten Formulierungen benötigen zusätzlich einiger kritischer Feststellungen:
Erstens, das statement enthält lediglich eine konkrete Zeitangabe: Um 09:24 Uhr sei NORAD – laut eigenen Logs – über AA 77 informiert worden. Alle anderen Zeitangaben sind abgeleitet („before“) oder ungenau („within minutes“, „immediately“).
Zweitens, das statement spricht mehrfach pauschal über sehr verschiedene Telefonbrücken mit unterschiedlicher Reichweite. Hierbei wird sowohl angedeutet, dass Informationen zu AA 77 in Realzeit über die Telefonbrücke zu NORAD/Militär vermittelt wurden als auch, dass die Telefonbrücke zu NORAD/Militär ab kurz nach dem ersten Anschlag bestand. Beides wird jedoch nicht explizit behauptet.

Griffin zu Brown anno 2006

Im 9/11 CR, Kap. 1, finden sich Angaben, die nicht kompatibel mit den Einlassungen des Brown-statements erscheinen. So erfuhr NORAD laut 9/11 Kommission vor 09:34 Uhr nichts von AA 77 und auch dann nur zufällig. Die Angabe von 09:24 Uhr wird mit einer Fehlinformation in diesem Zeitraum über die angeblich noch fliegende AA 11 erklärt. Und die Telefonbrücke von FAA HQ zum Militär sei erst ab 09:20 aktiv geworden.
Mit dem Brown-Statement ziehen diverse Gegner der „offiziellen Version“ die Angaben des 9/11 CR in Zweifel. Zu diesen Gegnern zählen eher unprominent Barrie Zwicker (Towers of Deception, S. 83) und Paul Rea (Mounting Evidence, S. 230) sowie prominent der genannte David Ray Griffin in Debunking 9/11 Debunking (der Text des entsprechenden Kapitels findet sich mit wenigen Abwandlungen online bei 911truth.org). Die Ausführungen konzentrieren sich auf AA 77. Griffin schreibt:

Brown’s main point, in other words, was that the FAA and the military had been talking about AA 77 long before 9:24. The implication of her memo, therefore, is that although, as Bronner and the 9/11 Commission say, the 9:24 notification time was false, it was false by being too late, not too early.

Die Fixierung auf das Brown-Memo (das Griffin mit vereinzelten Medienberichten zusätzlich zu plausibilisieren versucht) ist jedoch fehlgeleitet aus mehreren Gründen. Alle hängen damit zusammen, welchen Stellenwert man welcher Quelle einräumt.

Zunächst ist jedoch ein Hinweis unerlässlich. Geht es um die Information des Militärs seitens FAA HQ, dann geht es um eine spezifische Telefonbrücke nach außen, das sog. Hijack Net bzw. Primary Net. Die diversen FAA-internen Telefonbrücken des Secondary Net bzw. Tactical Net, aber auch sonstige weitere Telefonbrücken, sind von den Ausführungen zum Primary Net nicht betroffen. Von diesen gab es mehrere auch vor 09:20 Uhr.
Der Hinweis ist deshalb unerlässlich, weil Griffin nicht zwischen verschiedenen Netzen differenziert. So schreibt er in Debunking 9/11 Debunking (meine Herv.):

The Commission implicitly even claimed in effect that the memo’s account could not be true by claiming that the FAA-initiated conference did not begin until 9:20 — even though Laura Brown’s memo, which was read into the Commission’s records, said that it had begun about 8:50. (Her view, incidentally, was independently supported by another high FAA official.) As usual, inconvenient facts were simply eliminated.

Der “high FAA official” ist laut zugehöriger Fußnote Director of Air Traffic Bill Peacock, der 9/11 zu einem Meeting in New Orleans war, mit Information über den ersten Flugzeugeinschlag versuchte, FAA HQ zu erreichen. Griffin beruft sich hierbei auf Pamela Freni, die in Ground Stop, S. 22 schreibt:

He [Bill Peacock] flipped through the channels and found CNN just in time to join the world in viewing the attack on the second tower. He determinedly dialed the phone, trying to connect with his staff. His call was routed to the phone in the conference room next door to his office at headquarters, into the never-ending teleconference. His deputy Jeff Griffith was serving as liaison to FAA Deputy Monte Belger, trying to gather a tactical notion of the attacks. Peacock´s first question to the air traffic managers at every major controlling facility in the U.S. determined what security measures had been executed.

Die Informationen von Freni legen jedoch nahe, dass Peacock nicht am Hijack Net, sondern am Tactical Net teilnahm. Denn Freni bezieht sich mit der Rede von der “never-endig teleconference” auf die von Jeff Griffith und David Canoles, dem Director of Investigations and Evaluation in FAA HQ ins Leben gerufene Telefonbrücke (vgl. Ground Stop, S. 19f., 20):

[Canoles] ran toward the Deputy Administrator´s office, meeting acting air traffic manager, Jeff Griffith on the way. Griffith rerouted him saying “Go and start a command center,” putting into motion a telephone conference that was to last for over a year. It became the never-ending teleconference (telcon).

Die Telefonbrücke von Griffith und Canoles war aber nicht as Primary Net, vgl. Canoles MFR (meine Herv.; sämtliche MFRs der 9/11 Kommission werden im Folgenden aus dem Nationalarchiv der USA zitiert):

He saw Griffith in the tenth floor hallway. Cannoles informed him that the hijacked aircraft was the same as the aircraft that struck the World Trade Center, and that it would be handled as an accident instead of a hijacking.
He then went to establish a telephone conference with the appropriate parties. This teleconference began in the Director of Air Traffic’s (Bill Peacock) conference room. He believes the teleconference began after the second aircraft struck the WTC.
The Regional offices were connected to both the teleconference established by Cannoles, as well as the other conferences (like the Primary Net). For example, Frank Hatfield informed Cannoles’ staff of information he was receiving through other communications.
Cannoles had no communications with National Military Command Center (NMCC) or the White House Situation Room (SitRoom).

Jeff Griffith, Deputy Director of Air Traffic bestätigt diese Information (MFR, meine Herv., vgl. auch Griffiths Statement zum 12. Hearing der 9/11 Komission am 9. Juni 2004):

The purpose of Canoles setting up the telcon from the ATC Suite was to get information out to the AT Division managers and the 500s (that is the regional level). That was important to him. He ended up with the centers and some of the tracons on there and that was really to get the system back up.

In den MFRs der 9/11 Kommission taucht entsprechend auch Peacock aussschließlich bezogen auf die internen Telefonbrücken der FAA auf, vgl. hier insbesondere die Befragungen der MitarbeiterInnen der Eastern Region Air Traffic Division, z.B. Richard J. Ducharme (meine Herv.):

Ducharme explained that there is protocol in place for the air traffic side to specifically speak with operational air traffic controllers. On 9/11 Headquarters created one Air Traffic Control telecom with all the regions. This bridge was the one monitored by Ducharme and Hatfield. Ducharme would get approvals directly from Dave Spreg for flights in the days following 9/11. They had Peacock, AT1, on the line. John White, Jack Keys or Linda Shusler were all on this line at one point or another.
He also noted that the confusion that is recorded in the transcripts reviewed by Commission staff does not reflect the conversations and passage of information that occurred on the Headquarters Air Traffic telecom.

Die von Freni wiedergegebene Erinnerung Peacocks bestätigt demnach nicht einen Start des Hijack Nets vor 09:20 Uhr – es ist schlicht von einer anderen Telefonbrücke die Rede.
Im Folgenden geht es ausschließlich um den Kontakt der FAA zum Militär – d.h. um die Frage, wann das Hijack Net aktiv wurde und um die Frage, wann NORAD von AA 77 erfuhr. Sechs verschiedene Indizienstränge stellen Griffins bzw. Laura Browns timeline in Frage.

Erstens, aus den NORAD-Tapes geht eindeutig – und entgegen der Behauptung sowohl Browns als auch Griffins – die Informierung des NORAD über AA 77 um 09:34 Uhr hervor, bezeichnenderweise weder über das NMCC, die USAF noch das Hijack Net, sondern im Nebensatz eines ARTCC im direkten Gespräch mit NEADS.

WASHINGTON CENTER: Now, let me tell you this. I—I’ll—we’ve been looking. We’re—also lost American 77—
WATSON: American 77?
DOOLEY: American 77′s lost—
WATSON: Where was it proposed to head, sir?
WASHINGTON CENTER: Okay, he was going to L.A. also—
WATSON: From where, sir?
WASHINGTON CENTER: I think he was from Boston also. Now let me tell you this story here. Indianapolis Center was working this guy—
WATSON: What guy?
WASHINGTON CENTER: American 77, at flight level 3-5-0 [35,000 feet]. However, they lost radar with him. They lost contact with him. They lost everything. And they don’t have any idea where he is or what happened.

Gleichzeitig fehlt sowohl auf den Tapes des NEADS als auch der FAA jeglicher Hinweis auf eine Informierung NORADs um 09:24 oder sogar früher.

Zweitens, die Telefonbrücken der FAA wurden nicht auf Band aufgenommen (vgl. FAA Operations Center Visit MFR). Im ADA-30 Operations Center Activity Report, dem Log des Washington Operations Center in FAA HQ (für Hintergrundinformationen vgl. das MFR zu Tracy Paquin), wird jedoch u.a. festgehalten, dass das Primary Net um 09:20 erbeten bzw. aktiviert wurde:

0920 NMCC Notified (Major Chambers)
0920 Primary Net Requested by ACO

Drittens, die leitenden FAA-Mitglieder, die 9/11 unmittelbar an der Telefonbrücke zum Militär beteiligt waren, bestätigen diesen Zeitpunkt (zit. aus den MFRs):
Mike Weikert:

It took a long time. He assumed there were notifications going on. He was waiting for folks to come on. Roughly 9:20 the line was activated. That was when the teleconference bridge was actually activated. Generally new people would be announced on the line. Normally he would announce who he was, identify the primary net, give updates.

Sharon Battle:

Battle received direction from either FAA Security or from “Wickert” [Weikert] with ACI Watch to activate the Primary Net. To set the net, they had to physically push a button on the phone to activate its participation in the primary net – which is what Battle did in anticipation of it being established. […] The FAA chronology indicates the Primary Net was activated at 9:20AM – when the request is made for it to be activated – but it does not indicate when the appropriate agencies were present on the net.

Darlene Freeman:

Freeman stated that the NMCC was “at some point on the net” with the FAA, beginning at roughly 0920, and that this initiated communication constitutes notification for AA 77 and UAL 93.

Diese Angabe wird auch von FAA-Administrator Monte Belger im selben Hearing genannt, in dem das Brown-Statement verlesen wird:

The most frustrating after-the-fact scenario for me to understand is to explain is the communication link on that morning between the FAA operations center and the NMCC. That’s still frustrating for me to understand how that — I know how it’s supposed to work, but I have to tell you it’s still a little frustrating for me to understand how it actually did work on that day. It is clear I think in the record that at 9:20 the FAA operations center did call the National Military Command Center and add them into the hijacking net.

Ein weiterer nur mittelbar beteiligter Mitarbeiter, Robert C. McLaughlin, versucht sich an einer Erklärung für die lange Aktivierungszeit (zit. aus dem MFR, meine Herv.):

McLaughlin was surprised when he was informed by Commission staff that FAA logs indicated that the Tactical Net had been activated at 8:55 a.m., but the Primary Net wasn’t up and running until 9:20 a.m. As indicated above, his recollection was that the latter had been activated by shortly after 9:00 a.m. In McLaughlin’s view, the security division had acted quickly in activating the communications nets as soon as possible on 9/11. He pointed out that the time-consuming activation process required the individual dialing up of 30 agencies.

Viertens, das Brown-Statement ist selbst nur eine Stimme im Gewirr der Stimmen nach 9/11. So behauptet etwa die FAA Chronology of a Multiple Hijacking Crisis vom 17. September 2001 bereits lange vor dem 9/11 CR oder den Beteiligten:

0926 State Department, Department of Justice, Secret Service and National Military Command Center on net

Fünftens, das MCC/T Log des NEADS, das wichtigste Log von NEADS an diesem Tag, vermerkt für den Zeitpunkt 09:24 Uhr, anders als Brown behauptet, keine Informierung über AA 77, sondern über AA 11 (mittels Registrierungsnummer und Name) – die umstrittene Phantomflug-Meldung:

1324 American Airlines N334AA Hijacked
1325 Hijack AA Flt headed to Wash D.C.

Sechstens, auch die von Ben-Veniste verlauteten Autoren (oder Zuarbeiter) des Brown-Statements können nicht weiterhelfen. Linda Schuessler (“Ms. Schuessler”) kann keine präzisen Angaben zum Primary Net machen, vom Namen der verantwortlichen Liaison zum Militär abgesehen (zit. aus dem MFR):

She has no knowledge of a threat to the Washington, DC area being reported before AA 77 impact the Pentagon.
Schuessler recalls that she had little interaction with the Military Services Cell at Herndon and the CARF on 9/11; the operations floor did share information with the Military Services Cell, but the cell was responsible for carrying out their own appropriate actions. She was not coordinating with them, and does not believe the interaction between the cell and the operations floor could be qualified as a request for a fighter scramble to assist in the situation.
[…]
Schuessler had no specific knowledge on the fighter scrambles that occurred on 9/11. Schuessler does not recall having conversations about fighter scrambles, or about scrambling on a specific aircraft. She just recalls having basic knowledge that military fighters were scrambling.
She does recall monitoring the clearing of the national airspace system; collectively they made that decision, and it was shared with Headquarters so they were aware of what actions would be appropriate for this.
As far as the two teleconferences that occurred out of FAA Headquarters, Schuessler noted that she is not sure which line was the one that was monitored by John White, but she commented that it was from White’s open line at the NTMO position that a good deal of information came across. Schuessler commented that she has been under the impression that Colonel Atkins was on the same line as John White. Schuessler believed that Atkins, considering Atkins was in the “Headquarters arena”, would have been used as a conduit to the military.

Lynne Osmus wiederum (“Mr. Asmus“), traf nach Eigenaussage (vgl. MFR) erst zwischen 11:00 und 12:00 Uhr in FAA HQ ein und kann entsprechend ebenfalls nichts Detailliertes zu diesem Komplex berichten.

Griffin stellt die unpräzise E-Mail von Brown über den zeitnahen FAA-Report, über die Logs von FAA HQ, über das Log von NEADS, über die Zeitangaben der beteiligten MitarbeiterInnen und nicht zuletzt über die Aufnahmen der NORAD-Tapes. Er übergeht darüber hinaus alle Ungenauigkeiten im Brown-Statement und die fragwürdige Fundierung der enthaltenen Behauptungen.
In diesem Kontext sei auch erwähnt, dass Laura Brown selbst ihre Angaben bereits Jahre vor Griffins erstem Text zu ihrer E-Mail zurückgezogen hat (meine Herv.):

When asked about the contradictions over the FAA Statement in May of 03′ Laura Brown referred me to the 9/11 Commission Report saying that they had access to records the FAA didn’t which helped clarify what they did and when.
However, she did contradict the Commission findings by confirming that they began building the ‘phone bridges’ as elucidated in the statement, “within minutes after the first aircraft hit the WTC.” [This would have been within minutes of 8:46AM, though the Commission says it was 9:20AM]
She reiterated the Commission’s finding that the FAA conference did not reach the NMCC (National Military Command Center) at the Pentagon where command decisions should have been made immediately regarding the unfolding attack.

Browns verbleibender Einwand ist demzufolge (zumindest in der Interpretation des Reporters), dass es nicht erst seit 09:20 Uhr “die” [the] Telefonbrücken gegeben habe. Dies wird im 9/11 CR jedoch auch nicht behauptet. Der Zeitpunkt von 9:20 Uhr bezieht sich nicht auf alle Telefonbrücken, sondern ausschließlich auf das Hijack Net (9/11 CR, S. 36, meine Herv.):

At about 09:20, security personnel at FAA headquarters set up a hijacking teleconference with several agancies, including the Defense Department.

Das 9/11 Consensus Panel zu Brown

Anno 2011, fünf Jahre nach Griffins Buch Debunking 9/11 Debunking, findet die interessengeleitete Quellenfixierung Einzug in die „best evidence“-Liste des 9/11 Consensus Panel. Abermals wird Browns E-Mail genutzt, um die Behauptung zu plausibilisieren, dass das Militär vor 09:34 und auch vor 09:24 von AA 77 erfahren habe (vgl. Consensus Points PE-1 und PE-2, aber auch MC-4 mit Bezug auf UA 93).
Die Liste der Beweisgründe bzw. „facts“ wird angereichert um einen Medienreport und eine Aussage von Ben Sliney, Operations Manager im ATCSCC Herndon. Das vollständige Zitat Slineys aus dem Hearing der 9/11 Kommission vom 23. Mai 2003 lautet:

MR. SLINEY: In direct response to your question was FAA headquarters primarily through the security organization to request assistance from the military. We had no process in place where a Command Center would make such a request for a military assistance. I believe the military was involved, and you know I suppose in hindsight it’s too simplistic to say that they all look alike to me. If you tell the military you’ve told the military. They have their own communication web that I think defeated some of the notification processes, as I’ve been listening to today. But in my mind everyone who needed to be notified about the events transpiring was notified, including the military.
MR. GORTON: By the Command Center?
MR. SLINEY: Correct.

Laut Slineys loser Erinnerung wäre demnach das Militär durch die sog. “military liaisons” informiert worden, wenngleich Sliney keinen konkreten Zeitpunkt nennt, sondern eine zeitnahe Informierung [the events transpiring] lediglich andeutet.
Diese Berufung des 9/11 Consensus Panels auf die die sog. “military liaisons” der FAA, hier in FAA HQ, beruht wenig überraschend ebenfalls auf einer Griffin-Vorgabe (vgl. auch Griffins Beitrag im 9/11 Toronto Report, S. 152ff.). Sie ist jedoch überholt, da zu den “military liaisons” bereits deutlich genauere Informationen vorliegen als die undifferenzierte Erinnerung von Sliney. Die verantwortlichen Mitarbeiter der FAA wurden lange vor Slineys Aussage befragt. Im FAA Report The Air Traffic Organization’s Response to the September 11th Terrorist Attack: ATC System Assessment, Shutdown and Restoration vom März 2002 werden sie im Appendix B-1 benannt und ihre Aktivitäten beschrieben.

On 9-11, the four military liaisons assigned to the Director of Air Traffic were spread out over northern Virginia and Washington DC. Major William Nix, USMC, and LCDR Dave Viger, USN, were attending a meeting in Crystal City, VA. LTC Paul Gillick, USA, was at Fort Belvoir, VA, and COL Sheryl Atkins, USAF, was in the FAA Headquarters Building in Washington DC.
When Maj Nix and LCDR Viger learned of the second aircraft hitting the World Trade Center, they recognized the events as something out of the ordinary and decided to return immediately to FAA Headquarters Building. They arrived at FAA Headquarters around 1030 hrs due to the transportation standstill following the attack on the Pentagon. Their first reaction was to “make sure that the FAA Headquarters Command/Operations Center had the feel for what was going on from a DoD perspective.” What they learned and passed on was that CINC NORAD had designated General Arnold, the Commander of the Continental U.S. Region of NORAD (CONR), to direct the air defense reaction.
LTC Gillick remained at Fort Belvoir all day and returned to the FAA building the following day. COL Atkins was the only liaison in FAA Headquarters that morning. When the severity of the situation was known, she reported to the FAA Headquarters Colland Center (i.e., Air Traffic Situation Room) that was being established on the 10th floor.

Demzufolge war von den vier möglichen MitarbeiterInnen eine am Tag selbst während der Entführungen vor Ort, Col. Sheryl Atkins. Diese wiederum begann nach Eigenaussage (MFR) erst nach dem Einschlag ins Pentagon mit dem Militär zu sprechen (meine Herv.):

Atkins was in route to work when the first flight struck the World Trade Center (WTC) [American Airline Flight 11 (AAL 11) at 8:46AM (approx.)]. She was in FAA Headquarters when the second plane hit the WTC [United Airlines Flight 175 (UAL 175 at 9:03 (approx.)], and saw the event on a CNN broadcast. Immediately they began personnel accounting. She believes originally she heard on the broadcast that a bomb had gone off at the Pentagon. She went to the tenth floor with Sabra Caleia shortly after American Airlines Flight 77 (AAL 77) struck the Pentagon [9:37 (approx,)].
Atkins went to the Air Traffic Situation Room where David Cannoles was working on a teleconference. She was the only military liaison in the room at that time. She was “in and out” of this room throughout the morning, but did not hear any information that related to United Airlines Flight 93 (UAL 93). She did not speak with any of the military representatives at the White House, and was not informed of a threat to Air Force One.

Vgl. Atkins´ Aussage vor dem OIG des DoT (OIG-Report, S. 9f., meine Herv.):

I was enroute to the [FAA headquarters] building when the first plane hit the World Trade Center… [S]o probably five, ten minutes after that, I got to the building. … I went to my office. Everybody was there around the TV. We watched the events unfold. At first, we were kind of hanging back and saying, you know, there’s something awful going on with the air traffic system[.] … But at a certain point, not too long after that, it became obvious that, you know, something really strange is going on and so … I relocated. I went upstairs to the 10th floor. … It was right after the airplane hit the Pentagon.

Im Report des OIG wird diese Reaktion als zu langsam kritisiert. Doch für eine differenzierte Einschätzung (vgl. dazu auch das verwandte Thema des Hijack Koordinators) muss die Reaktion der military liaison zunächst zur Kenntnis genommen werden – eine Aufgabe, an der das 9/11 Consensus Panel anno 2011 scheitert, obwohl entsprechend detaillierte Ausführungen bereits Jahre vor Entstehung des Panels vorlagen.

Fazit

Die Instrumentalisierung des Brown-Statements (wie auch des Sliney-statements) zur Einsprucherhebung gegen den 9/11 CR ist eins unter vielen losen Beispielen für selektive Quellenwahl und mangelnde Quellenhierarchie. Es ist nicht so prominent wie andere ähnlich geartete Fälle, aber wegen der Wiederaufnahme durch ein Kuratorium von Wissenschaftlern aktuell.
Die E-Mail Browns ist an zentralen Stellen undifferenziert und pauschal. Es gibt keine Primärdaten, die Browns angedeutete timeline decken und es gibt Primärdaten, die eine andere timeline unterstützen. Brown selbst war an den Ereignissen um das Hijack Net ebenso wenig beteiligt wie ihre Zuarbeiterinnen. Personen, die direkt beteiligt waren, bestätigen dagegen die timeline des 9/11 CR. Und nicht zuletzt spiegeln auch die Logs sowohl auf ziviler wie militärischer Seite diese timeline wieder. Zusätzlich haben Abteilungen der FAA, darunter der OIG, detaillierte (und selbstbelastende) Informationen über Einzelglieder in der Kommunikationskette zum Militär veröffentlicht. Der Zeitpunkt, zu dem auf Aussagen wie dem Brown-statement ein Einwand gegen die “offizielle Version” gebaut werden kann, ist also lange bereits vorbei.
Zu den Gegnern der “offiziellen Version”, die dies dennoch versuchen, zählt an pominenter Stelle David Ray Griffin und seit 2011 auch das inoffizielle Griffin-Sprachrohr des 9/11 Consensus Panel. Das sich wissenschaftlich gebende Panel akzeptiert die methodische Unzulänglichkeit Griffins kritiklos und es überrascht daher nicht, dass diese Unzulänglichkeit auch bei weiteren der “Consensus Points” einschlägig ist:
Auf Basis einiger Zeugenaussagen wird in Punkt MC-4 der Zeitpunkt für den Abschussbefehl in Frage gestellt, obwohl die Tapes und Logs des NEADS ihn unmissverständlich festhalten (Details) und zudem die Zeugenaussagen durch den TSD-Weiterflug von UA 93 erklärt werden können (Details, Abschnitt “Primärdaten, zum zweiten …”).
Punkt MC-3 bietet die unvermeidliche Mineta-Aussage, interpretiert als stand-down-Befehl (Details).
In Punkt PC-2 wird das Barbara-Olson-Telefonat in Frage gestellt. Die x-te Aufwärmung dieses Einwands nach wiederholter Richtigstellung wurde auch von Vertretern des 9/11 Truth Movements kritisiert (übrigens auch bei einem bekannten deutschen Vertreter) und ist inzwischen nur noch verstörend.
Dass diese Punkte Teil der “best evidence” gegen die “offizielle Version” sind, wirft ein fragliches Licht auf das 9/11 Consensus Panel, nicht auf die “offizielle Version”.

Literatur

Freni, Pamela: Ground Stop. An Inside Look at the Federal Aviation Administration on September 11, 2001. New York: iUniverse 2003

Griffin, David Ray: Debunking 9/11 Debunking. An Answer to Popular Mechanics and other Defendes of the Official Conspiracy Theory. Northampton: Interlink Books 2007

Ders.: Anomalies in the Official Accounts of American 77 and United 93. In: The 9/11 Toronto Report. Issued from the International Hearings on the Events of September 11, 2001. Ed. by James Gourley. IC for 9/11 Studies 2012

Rea, Paul Wesley: Mounting Evidence: Why We Need a New Investigation Into 9/11. Bloomington: iUniverse 2011

Zwicker. Barrie: Towers of Deception. The Media Cover-Up of 9/11. Lancaster: Gazelle Book Services 2006

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