Cheneys Order

Cheneys Machtmissbrauch

Zeugenaussagen zu einem Ereignis sind wichtig, aber ebenso notorisch unzuverlässig. Nicht ohne Grund fallen die Erinnerungen von Augenzeugen auf diesen Seiten in ihrem Beweiswert weit hinter Primärdaten und auf diesen basierenden Reporten zurück.
Ein vieldiskutiertes Beispiel zeigt, wie unproduktiv das Heiligerklären von Zeugenaussagen ist. Die tragende Rolle in diesem Beispiel hat Vizepräsident Richard „Dick“ Cheney, der 9/11 im Presidential Emergency Operations Center (PEOC) im Keller des Weißen Hauses angesichts der Anschläge einen für die USA historisch einmaligen Abschussbefehl für verdächtige Zivilflugzeuge erteilte.
Diese Anweisung unterliegt bis in die Gegenwart Kritik. So vermuten Mitglieder der 9/11 Kommissionsteams, dass Cheneys Behauptung, er habe vor dem Abschussbefehl die – laut Befehlskette unumgängliche – Autorisierung des Präsidenten eingeholt, eine Falschaussage sei. In The Commission, S. 265, fasst der Journalist Philip Shenon die Einschätzung des staff zusammen:

The staff was convinced that the “horrendous decision” was not made by Bush; it was made by Cheney, and the vice president had almost cernatinly made it alone. [...] [T]here was no evidence to suggest that Bush had weighed in on the shoot-down order before Cheney had issued it. And there was plenty of evidence to suggest that Bush knew nothing about it. “We didn´t believe it,” Dan Marcus, the general counsel, said of Cheney´s account.

Vorsichtiger wird dieser Aspekt bei den Kommissionsvorsitzenden Thomas Kean und Lee Hamilton behandelt (Without Precedent, S. 261):

[T]here was no documentary evidence of the [Bush-Cheney] call, yet the documentary evidence from the day was not sufficient to declare that the call had not taken place. As our practice in other matters [...] all we could do was present the evidence as we had gathered it.

Washington Post-Reporter Barton Gellman diskutiert den Abschussbefehl über zehn Seiten seiner umfangreichen Cheney-Monographie (Angler, S. 119ff.) und kommt seinerseits zu dem Ergebnis (S. 128):

One way to understand Dick Cheney is the UNODIR ["unless otherwise directed, I will continue to ..."] vice president writ large. He did not defy the commander in chief, but he certainly did not always wait for orders.

Zum zehnten Jahrestag der Anschläge kritisierte auch der Historiker Bernd Greiner in seinem 9/11-Buch den Abschussbefehl als Machtmissbrauch (S. 24f.):

Dass „Dick“ Cheney am Morgen des 11. September 2001 obendrein seine Machtfülle missbrauchte, ist mittlerweile kaum mehr zu bestreiten. […] Eine solche Order hätte Cheney auf keinen Fall geben dürfen, einzig und allein der Präsident ist laut Verfassung als Oberkommandierender der Streitkräfte im Falle eines Angriffs auf die USA zu dergleichen befugt.

Der legale Aspekt ist auch eine Dekade nach den Anschlägen noch Thema bei Journalisten und Historikern – kein Wunder, handelt es sich beim Befehl des Abschusses einer Passagiermaschine doch um eine Dilemma-Entscheidung, die hochemotionalen und äußerst gegensätzlichen Einschätzungen unterliegt. (In der BRD wurde der Abschuss von Passagierflugzeugen durch das Verfassungsgericht 2006 in einer Grundsatzentscheidung für verfassungsfeindlich erklärt (1 BvR 357/05). Die Entscheidung wurde 2012 revidiert (2 PBvU 1/11), mit der Einschränkung, dass die Bundesregierung die Enscheidung zum Abschuss auch im Eilfall nicht delegieren dürfe (2 BvF 1/05).)
Dieser Aspekt des Cheney-Befehls ist allerdings für Gegner der “offiziellen Version” zweitrangig. Sie haben stattdessen eine Paralleldiskussion in Gang gesetzt, in der das Setting des Abschussbefehls von Dick Cheney an zwei noch grundsätzlicheren Punkten in Frage gestellt wird, dem Zeitpunkt und dem Inhalt.

Primärdaten, zum ersten …

Zwei Stichdaten des Tages geben ein theoretisches Zeitfenster für Cheneys Abschussbefehl vor: Um 09:03 Uhr flog United 175 in den Südturm des World Trade Centers. Ab diesem Zeitpunkt stand fest, dass es sich um einen koordinierten Anschlag handelte. Hiermit liegt der früheste Zeitpunkt vor, zu dem Cheney den Befehl erteilt haben kann.
Die Befugnis zum Abschuss von Flugzeugen erreichte NEADS um 10:31 Uhr – der Zeitpunkt ist minutengenau in den Logs und Tonaufnahmen des Tages dokumentiert (Details). Hiermit liegt der späteste Zeitpunkt vor, zu dem Cheney den Befehl erteilt haben kann.

Zeugenaussagen

Wann genau im Zeitfenster zwischen 09:03 Uhr und 10:31 Uhr Cheney den Befehl gab, unterliegt gegensätzlichen Einschätzungen, wobei sowohl Zeitpunkt als auch Inhalt des Befehls in Frage gestellt werden. Dem Journalisten Paul Schreyer zufolge erteilte Cheney den Abschussbefehl gegen 9:20 Uhr (vgl. Inside 9/11, S. 64ff.). Mathias Bröckers und Christian Walther vermuten ebenfalls, dass der Befehl gegen 9:20 Uhr erteilt wurde, halten ihn jedoch nicht für einen Abschussbefehl, sondern in Berufung auf namenlos bleibende „Skeptiker“ für eine „Stand-Down-Order“ (11.9. – Zehn Jahre danach, S. 131f.). Dies ist die dominante Interpretation unter Gegnern der “offiziellen Version”. Dem 9/11 CR zufolge handelte es sich um einen Abschussbefehl und er wurde erst zwischen 10:00 Uhr und 10:15 Uhr erteilt (vgl. 9/11 CR, S. 41).
Die im Internet ausgetragene Debatte illustriert schlaglichtartig ein Austausch zwischen der „Debunker“-Seite mosaik911.de und der „Truther“-Seite 911-archiv.net. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Zeugenaussage einer Person, Norman Mineta. Während “Debunker” die Zeitangaben in Minetas Zeugenaussage in Frage stellen, beharren “Truther” auf ihrer Richtigkeit, gleichzeitig den Inhalt von Minetas Beobachtungen als Stand-Down-Befehl deutend.
Eine Debatte, die im Zentrum um eine einzelne Zeugenaussage kreist, ist selten produktiv. Wer auf der unbedingten Korrektheit einer ausgewählten Zeugenaussage beharrt, offenbart lediglich seine eigene Befangenheit. Drei Erinnerungen der Geschehnisse zeigen die Fallstricke eines solchen Beharrens auf. Alle drei Personen waren am 11. September 2001 gemeinsam im PEOC des Weißen Hauses und erlebten die Weitergabe des Abschussbefehls. Dennoch widersprechen sich ihre Erinnerungen eklatant.

Norman Mineta

Norman Mineta war 9/11 Verkehrsminister und wurde irgendwann nach dem zweiten Flugzeugeinschlag zum Weißen Haus gefahren. Dort erlebte er im PEOC Szenen, die er ausführlich in mehreren Interviews schildert.
Hearing der 9/11 Kommission am 23. Mai 2003:

MR. HAMILTON: I wanted to focus just a moment on the Presidential Emergency Operating Center. You were there for a good part of the day. I think you were there with the vice president. And when you had that order given, I think it was by the president, that authorized the shooting down of commercial aircraft that were suspected to be controlled by terrorists, were you there when that order was given?
MR. MINETA: No, I was not. I was made aware of it during the time that the airplane coming into the Pentagon. There was a young man who had come in and said to the vice president, “The plane is 50 miles out. The plane is 30 miles out.” And when it got down to, “The plane is 10 miles out,” the young man also said to the vice president, “Do the orders still stand?” And the vice president turned and whipped his neck around and said, “Of course the orders still stand. Have you heard anything to the contrary?” Well, at the time I didn’t know what all that meant. And –
MR. HAMILTON: The flight you’re referring to is the –
MR. MINETA: The flight that came into the Pentagon.
[...]
MR. ROEMER: I want to follow up on what happened in the Presidential Emergency Operations Center and try to understand that day a little bit better. You said, if I understood you correctly, that you were not in the room; you were obviously coming from the Department of Transportation, where you had been busy in a meeting in official business, but you had not been in the room when the decision was made — to what you inferred was a decision made to attempt to shoot down Flight 77 before it crashed into the Pentagon. Is that correct?
MR. MINETA: I didn’t know about the order to shoot down. I arrived at the PEOC at about 9:20 a.m. And the president was in Florida, and I believe he was on his way to Louisiana at that point when the conversation that went on between the vice president and the president and the staff that the president had with him.
MR. ROEMER: So when you arrived at 9:20, how much longer was it before you overheard the conversation between the young man and the vice president saying, “Does the order still stand?”
MR. MINETA: Probably about five or six minutes.
MR. ROEMER: So about 9:25 or 9:26. And your inference was that the vice president snapped his head around and said, “Yes, the order still stands.” Why did you infer that that was a shoot-down?
MR. MINETA: Just by the nature of all the events going on that day, the scrambling of the aircraft and, I don’t know; I guess, just being in the military, you do start thinking about it, an intuitive reaction to certain statements being made.

Interview im Magazin Aviation Security vom 11. September 2002:

I was sitting across the table from the Vice President with a set of telephones providing us with a direct line to FAA. Someone came in and said, ‘Mr. Vice President there’s a plane 50 miles out’. I was on the phone with the Deputy Administrator of FAA, Monte Belger, and he said, ‘we have a target but the transponder’s turned off, so we have no identification, no ident, on the aircraft’. I said, ‘Can you tell in relationship to the ground where it is?’ He said, ‘no that’s difficult to do but I would imagine it’s somewhere between Great Falls and National Airport coming in’. It seemed it was on what they call the DRA – the down river approach.
‘Mr.Vice President, the airplane’s 30 miles out, but I can’t tell you the altitude and can’t tell you speed, but from the sweep of the radar we know it’s moving pretty fast’, was the next update. And then, ‘it’s 10 miles out’. So I said (to Belger), ‘my Vice President has just been told it’s 10 miles out’. Monte said, ‘it could be anywhere from the USA Today Building all the way to National Airport.
The person who was updating us in the room said, ‘Do the orders still stand?’ And the Vice President turned around, looked at him and said, ‘Of course the order still stands, have you heard anything to the contrary?’ I didn’t think about that comment at all at the time.
Monte suddenly said, ‘Oof, we’ve just lost the target’. Then someone came in and said, ‘Mr. Vice President there’s been an explosion at the Pentagon’. And I said, ‘Monte, the Vice President was just told there was an explosion at the Pentagon, can you pinpoint it to the Pentagon’. He said, ‘no, but it could be in that region’. Then someone broke into our telephone conversation and said ‘Mr. Secretary we’ve just had a telephone call from an Arlington County Police Officer who confirms that he saw the American Airlines plane go into the Pentagon’.

(Vgl. auch die Interviews bei der Achievment Academy und MSNBC.)

Robert Darling

Robert J. Darling war 9/11 ein Colonel des U.S. Marine Corps und Leiter des White House Airlift Operations Office, das die Reisetätigkeiten des VIP-Personals des Weißen Hauses koordiniert. Nach der Evakuierung des Weißen Hauses, die Darling in seinen Memoiren 9.11.01 The White House auf 9:45 Uhr setzt (S. 46), begibt sich Darling in das PEOC. Hier beschreibt er zwei Vorgänge.
Der erste Vorgang: Um 9:52 Uhr erreicht das PEOC die Nachricht von der entführten United 93, die auf DC zurase (S. 51). Cheney gibt daraufhin – den Erinnerungen Darlings zufolge – folgende Anweisung an das NMCC weiter (S. 53):

Without any hesitation, Cheney ordered: „We have a hijacked plane approximately sixteen miles south of Pittsburgh, inbound to Washington DC. I want two F-15s out of Otis Air National Guard Base. Let me know when they´re airborne, and stand by to shoot this plane down!”

Ein Abschussbefehl für United 93 kurz nach 9:52 Uhr – so besagen es die Erinnerungen Darlings. Um 9:58 bestätigt Cheney (S. 54): „They are weapons free to engage.“ Um 10:05 Uhr erreicht die Nachricht vom Absturz von United 93 das PEOC (S. 54), um 10:07 Uhr die Bestätigung, dass United 93 nicht abgeschossen wurde (S. 55).
Der zweite Vorgang: Um 10:13 Uhr passiert Darling zufolge Folgendes (S. 57):

It was in the Situation Room again. This time to relay a message from the Secret Service that a high-speed, low-level aircraft was approximately eight miles out, coming down the Potomac in the direction of the White House.

Erstmals im Buch wird in diesem Zusammenhang übrigens die Gegenwart von Mineta erwähnt (ebd.):

The Vice President, along with Secretary of Transportation Mineta, turned to the speaker box with the FAA representative […].

Darling selbst gibt nun Positionsupdates an Cheney weiter (S. 58):

I turned to the Vice President with an update. “Mr Vice President, the aircraft is noiw six miles out.” Cheney said, “Don [Rumsfeld], I´ll authorize a long range shot at this guy. “[Rumsfeld:] We´re still checking.” I continued my tracking report. “Mr. Vice President, the aircraft is now six miles out.” Mr. Vice President, the aircraft is now four miles. Now three miles. The aircraft is –“ The Vice President wheeled around, his face flushed with concern. “Stop!” he commanded me.

Das annähernde Fluggerät entpuppt sich schließlich als MedEvac Helicopter (S. 59).

Dick Cheney

Richard „Dick“ Cheney war 9/11 Vizepräsident der USA und befand sich nach dem Einschlag von United 175 in den Südturm in seinem Büro. In seinen Memoiren In my Time beschreibt er die anschließenden Geschehnisse:

Special Agent Jimmy Scott burst through the door: “Mr. Vice President, we´ve got to leave now.” Before I could reply he moved beyond my desk, put one hand on my belt and another on my shoulder, and propelled me out of my office. He rushed me through narrow West Wing hallways and down a stairway toward the “PEOC”, the Presidential Emergency Operations Center, located underneath the White House.
We stopped at the bottom of the stairs in a tunnel outside the PEOC. I watched as Secret Service agents positioned themselves at the top, middle, and bottom of the staircase, creating layers of defense in case the White House itself should be invaded. Agent Scott handed out additional firearms, flash lights, and gas masks. He´d evacuated me from my office, he said, because he´d gotten word over his radio, that an inbound, unidentified aircraft was headed for “Crown”, code name for the White House.
Within moments another report came in: “Sir,” Scott said, “the plane headed for just hit the Pentagon.” (S. 1)

At about 10:15, a uniformed military aide came into the room to tell me that a plane, believed hijacked, was eighty miles out and headed for D.C. He asked me whether our combat air patrol had authority to engage the aircraft. Did our fighter pilots have authority, in other words, to shoot down an American commercial airliner believed to be hijacked? “Yes,” I said without hesitation. A moment later he was back. “Mr. Vice President, it´s sixty miles out. Do they have authorization to engage?” Again, yes.
There could have been no other answer. (S. 3)

Im Überblick bedeutet dies:

Norman Mineta

Geschehnis

Uhrzeit

Korrespondierender Flug

Evakuierung Cheney

Vor 09:20 Uhr

-

Flugzeug nähert sich

9:25 Uhr

AA 77

Down-River-Approach

9:25 Uhr

AA 77

Abschusserlaubnis

9:25 Uhr

AA 77

Robert Darling

Geschehnis

Uhrzeit

Korrespondierender Flug

Evakuierung Cheney

Vor 09:45 Uhr

-

Flugzeug nähert sich

9:52 Uhr

UA 93

10:13 Uhr

Helikopter

Down-River-Approach

09:52 Uhr

UA 93

10:13 Uhr

Helikopter

Abschusserlaubnis

09:52 Uhr

UA 93

Dick Cheney

Geschehnis

Uhrzeit

Korrespondierender Flug

Evakuierung Cheney

Kurz vor Pentagon-Crash

AA 77

Flugzeug nähert sich

10:15 Uhr

Unbekannt

Down-River-Approach

-

-

Abschusserlaubnis

10:15 Uhr

Unbekannt

Weder die Uhrzeiten noch die Flüge, auf die diese drei Augenzeugen sich beziehen, stimmen überein. Was bei Mineta für AA 77 gilt, verteilt sich bei Darling wie auch Cheney auf andere und jeweils verschiedene Flugzeuge. Jede Wiedergabe enthält Einzelheiten, die in den jeweils anderen Wiedergaben nicht auftauchen.

Eine Reportage von ABC News und eine weitere Reportage der BBC zum ersten Jahrestag der Anschläge illustrieren das Dilemma des reinen Augenzeugen-Zugangs zum Thema. Beide Reportagen präsentieren sowohl Cheneys Angabe einer Evakuierung kurz vor dem Pentagon-crash als auch Minetas Rekonstruktion des „50 Miles out“-Dialogs und des Abschussbefehls, der sich auf AA 77 bezöge. In beiden Reportagen wird die Spannung zwischen beiden Angaben nicht registriert – wenn Cheney erst unmittelbar vor dem Pentagon-crash evakuiert und ins PEOC gebracht wurde (die BBC-Reportage bspw. terminiert dies auf 9:33 EDT), kann er nicht im PEOC über die Maschine AA 77 fünfzig Meilen vom Penatgon enfernt informiert worden sein.
Das sonderbare Ergebnis: Sowohl Gegner der offiziellen Version als auch Kritiker der Mineta-timeline beziehen sich auf diese Reportagen (Bsp., Bsp.).

Primärdaten, zum zweiten …

Sich hauptsächlich im Dickicht widersprüchlicher Zeugenaussagen zu bewegen ist nicht nur nicht zielführend, sondern auch unnötig. Als Gradmesser der Güte vorgelegter Zeugenaussagen dienen auch hier, so vorhanden, zuallererst die Primärdaten. Mit Blick auf diese lässt sich Folgendes festhalten:

1. Minetas Beschreibung der Flugbahn im Down-River-Approach aus dem Norden, anhand der Wegmarken Great Falls, USA Today und dem DCA, passt überhaupt nicht zur Flugbahn von AA 77 (rote Radartreffer).

Minetas DRA-Flugbahn und AA 77

Minetas DRA-Flugbahn und AA 77

2. Um 09:56 Uhr wurde im ARTCC Cleveland (ZOB) von Controllerin Linda Justice ein neuer Flugplan für UA 93 ins System der FAA eingespeist, in Hagerstown beginnend und nach Washington, DC weisend (vgl. Linda Justice Personnel Statement). Durch den Flugplan wurden neue Flight Strips für das ZDC generiert (vgl. ZOB-timeline) und der Flug konnte nach seiner Kursänderung auch bei der FAA in Herndon und Washington, DC auf dem TSD verfolgt werden.

At 1356:32, IRL controller changed flight plan direct HGR to DCA so the ZDC would have strips and be able to accept hand-off. (ZOB-timeline, S. 5)

We were given a data block with which to track UAL93. The aircraft appeared to be heading toward Washington Center airspace. In an attempt to expedite the situation I put a charge of routing in to reflect HGR->DCA. (Linda Justice, Personnel Statement, S. 11)

Um 09:57 EDT teilte Linda Justice (Position ZOB Imperial Radar Associate IRL-D) dem ARTCC Washington (Position ZDC Potomac Sector POT) die Flugplanänderung mit, vgl. FAA Tape des ZOB, Position IRL-D, 09:57:20 EDT:

IRL-D Pull up United 93, he´s flashing at Hagerstown, OK. I believe that you will hear about that plane shortly.
POT Ah
IRL-D OK, no idea on destination and or altitude. We just put in the routing for a good guess.

Um 10:03 wird außerdem eine benachbarte Position im ARTCC Cleveland (Position ZOB Indianahead Radar IHD-D) informiert, vgl. FAA Tape des ZOB, Position IRL-D, 10:03:45 EDT:

IRL-D That routing I put on United 93 –
IHD-D Ah, say that again.
IRL-D The routing that´s in on United 93 was only our best guess, given the direction he was heading before and flow. Knows it, but that is not neccessarily where he´s going, so you may need to make sure you keep track control of him.

Um 10:04 erkundigt sich ein Anrufer beim ATCSCC in Herndon, ob der neue Flight Strip auch dort angekommen sei, vgl. FAA Tape des ATCSCC, Ops Phone 5140, Position 14C, 10:04:25 EDT:

Anrufer: You got that strip on, you got that information on United 93?
14C: United 93?
Anrufer: Yes.
14C: Not sure.
Anrufer: I got a call from New York Center half an hour ago that he has been hijacked. He´s inbound to Washington National.

Um 10:14 bittet ein Anrufer beim ATCSCC Herndon im Tactical Net darum, die Angabe, dass UA 93 20 Minuten vor Washington, DC sei, weiterzugeben, vgl. FAA Tape des ATCSCC, Ops Phone 5128, Position 28, 10:14:30 EDT:

OK, number one is 93, it’s 20 minutes outside of DC, go pass that.

Ein Schnappschuss aus einem Anruf zwischen Baltimore TRACON und Dulles TRACON zeigt, dass Teile der FAA UA 93 noch um 10:24 EDT auf dem TSD verfolgten, vgl. FAA Tape des IAD, Position 27 West Handoff:

IAD: Dulles 11. Am I tracking that United yet?
BWI: You [unverständlich]  Dulles?
IAD: Yeah.
BWI: This is Baltimore. Because we were tracking him on TSD. Looks like he wasn´t too far from you, but we haven´t seen him yet, no primaries, no nothing.
IAD: Alright, thanks.

Der virtuelle Flug endete um 10:28 EDT auf dem Reagan National Airport (DCA). Zu diesem Zeitpunkt informiert ein Controller des DCA Washington Departure, dass UA 93 nicht mehr im System sei, vgl. FAA Tape des DCA, Position F2:

Washington Departure: This is Washington Departure [unverständlich].
DCA: We are not showing him in the system at all anymore.
Departure: Who is that?
DCA: United 93.
Departure: [Unverständlich] Thanks.

Der neue Flugplan für UA 93 mit der Route von HGR nach DCA ist in den von John Farmer über den FOIA freigegebenen Daten der FAA enthalten (meine Herv. von Zeitpunkt des Updates, Flug und neuer Route):

|135632.5|UAL93 117|FSP 06F |O ENR | IHD 06 AML EWR./.IHD323021 HGR |
| | | | | UAL93 027 14 350 350 DCA 1527 |
| | | | | 009 040 |
| | | | | L/B752/E 1358 |
| | | | | T473 G501 |
| | | | | 06 DIA IA+ |
| | | | | 117 01 HGR |NRP WNA DC+ |

Minetas Beschreibung deckt sich erstaunlich gut mit dieser dokumentierten Flugbahn. Die gelbe Linie des oben angeführten Bildes gibt eine gerade Linie von HGR nach DCA vor (der neue Flugplan von UA 93), nahe Minetas Referenzpunkten.

3. Die Nachricht der anfliegenden Maschine erreichte auch die Menschen vor Ort und sorgt augenblicklich für Panik. Der Arlington County After Action Report, S. 163, gibt die Geschehnisse im Pentagon detailliert wieder (vgl. auch Goldberg et al, Pentagon 9/11, S. 82ff., Creed/Newmann, Firefight, S. 105ff. sowie Vogel, The Pentagon, S. 447f.):

At about 10:15 a.m. on September 11, the WFO Command Center was notified by the Federal Aviation Administration (FAA) that another airliner, United Airlines Flight #93, was hijacked after taking off from Newark, NJ, and was flying on a course from western Pennsylvania toward the Washington Metropolitan Area. The FAA estimated it would reach Washington, DC, in 20 minutes. The Command Center relayed the information to Special Agent Combs at the ACFD ICP who alerted Chief Schwartz.
Special Agent Combs located a Washington Metropolitan Airports Authority (WMAA) firefighter equipped with a radio and confirmed the information about Flight #93. Chief Schwartz ordered a complete area evacuation, directing the response force to relative safety beneath nearby highway overpasses. Special Agent Combs stayed at Chief Schwartz’ side, giving him updates as the FAA tracked the course of Flight #93. The last update came when the airliner was 4 minutes away from the Pentagon. Five minutes later, Special Agent Combs reported to Chief Schwartz that Flight #93 had crashed into Camp David in Maryland. In fact, it crashed in a field near Shanksville, PA. Chief Schwartz sounded the all clear.

Im O-Ton von Chief Schwartz zeigt sich die Verquickung von Momentbewusstsein und später erhaltenen Informationen (Lofgren, Then Came the Fire, S. 22f.):

Now, one of the things that I found out subsequently [...] [is] that because the transponder had been turned off on that aircraft, they [the FAA] were pretty much guessing, based on where it last was, and using, you know, essentially a guess as to what its path would have been were it headed directly this way. I ddn´t know that on that morning. Okay. On that morning he [Chris Combs] was saying it´s headed towards us. And so that´s what we based our decision [to evacuate] on. It now looks like it never came close to us. You know, it now looks like that was, in fact, the plane that crashed in Pennsylvania [...].

Auch Keith Bohn, Pilot der National Park Police, landete nach Eigenaussage seinen MedEvac-Helikopter aufgrund der Meldung, UA 93 fliege auf DC zu (Interview-Transkript).

After we had gone over and performed our MEDEVAC, we received information about the incoming fourth aircraft, which was the one that had crashed in Pennsylvania, how that one had turned its course. It was coming back, believed to be coming back to D.C. was the intent. (S. 5)

But upon return with the Secret Service agent on board, thinking we were doing more MEDEVACS we knew we had more patients, the underground operation of National Airport and the tower were reporting to us locations on this number four aircraft. That it had in fact turned back from Cleveland, was coming back towards DC, had passed Pittsburgh. (S. 19)

Gegen 10:30 EDT berichten auch die lokalen TV-Sender vor Ort über die vermutete Gefahr und die erfolgte Evakuierung des Pentagon-Areals (vgl. das TV-Archiv 9/11), bspw. um 10:34 EDT Fox News WTTG:

The update is, police are here right in front of the Pentagon, not letting people get any further than this point. They´re saying that another plane has been hijacked, and at this point is it now ten minutes outside Washington, DC. And police are telling me reports are that plane may be headed to the District, and they´re speculating it may actually be headed back here to the Pentagon. All Pentagon employees have been evacuated from the area, hundreds and hundreds of people have been ushered across the bridge, to get out of harms way.

10:36 EDT, WUSA Channel 9:

It looks like they are making some head-away. We don´t know if they had to pull back because of the threat that came in here, but right now there´s still a great deal of fire inside the Pentagon at the moment. Firefighting operations may have ceased a little bit because of the threat. The threat again, which you have been talking about, is that some other plane that may have been hijacked – FBI agents here on the scene moved everybody they could away from the Pentagon, including us.

In diesem Video von Brian Stark werden die Punkte 1. bis 3. in wenigen Minuten anschaulich zusammengefasst.

4. Im Air Threat Conference Call, der Telefonkonferenz zwischen dem NMCC und der sonstigen militärischen und zivilen Leitungsebene der USA (Details), kommt es ab 10:13 Uhr zu folgendem Dialog (Zusammenfassung des 9/11 Comission Staff-Mitglieds Dana Hyde):

1013 PEOC: We´ve got confirmation of a plane 60 miles out. We think it´s [United] 93. Apparently we´re hearing weapons freeze right now. Status of Atlantic City?
NORAD: We have confirmation that Atlantic City aircraft are airborne we´re querying destination.
10:14 DDO: Assets out of Andrews launched?
1014 NORAD: No info on that.
1014 DDO: Any RSN we can´t?
1014 PEOC: The Vice President has just confirmed fighters are cleared to engage the aircraft inbound if we can verify they are hijacked.

Der Abschussbefehl Cheneys und die Warnung vor einem sich nähernden Flugzeug “60 miles out” sind hier für den Zeitpunkt 10:14 Uhr dokumentiert – weit nach Minetas Angabe und entsprechend auch nicht auf AA 77 bezogen.
Das vom DoD veröffentlichte Original-Transkript hierzu ist an vielen Stellen geschwärzt (Details). So wurden bspw. sämtliche Referenzen auf den Abschussbefehl getilgt. Dennoch zeigt sich auch am O-Ton die vermutete Gefahr durch UA 93 (S. 18ff.):

DDO: We understand 767 from United, but I can’t confirm that. NORAD can you provide information on a possible inbound to D.C. 25 minutes out?
NORAD: This is NORAD. No further information at this time. Stand by.
[…]
AIR FORCE: NORAD, this is Air Force.
NORAD: NORAD.
AIR FORCE: Yes, sir. You were broken previously. Confirm that there’s an aircraft, possible hijack heading to Washington, D.C.
[Redacted]
AIR FORCE: Copy.
NORAD: And NORAD has no information on that track at this time.
[…]
AIR FORCE: Same destination of United 93 or location (indiscernible)? This is Air Force.
[Redacted]
AIR FORCE : So, they are 20 minutes out of D.C. copy?
[Redacted]
DDO: Air Force, this is the DDO. I say again my previous request. Have any aircraft been scrambled in response to this United 93 and what is the status of fighter cap over D.C.?
AIR FORCE: Stand by. We’ll confirm that.
[…]
[Readcted] have any information on that unknown aircraft ten miles away from D.C.?
NORAD: This is NORAD. No further information at this time. NORAD complete.

5. Es liegen keinerlei Primärdaten vor, die Minetas Zeitangabe für den Abschussbefehl oder ein Flugzeug im DRA-Anflug im Zeitfenster zwischen 09:20 oder 09:30 Uhr enthalten. Die gesamte Verteidigung von Minetas timeline findet im Rahmen von Zeugenaussagen statt – Minetas eigener Aussage sowie hier und da den Aussagen weiterer Zeugen.
Etwas hilflos wirkt angesichts dieser Sachlage das Argument Paul Schreyers für Minetas timeline: „Seine [Minetas] Erinnerung an die Ereignisse wirkt sehr genau.“ (Inside 9/11, S. 65) Die von Mineta beschriebene Ereigniskette ist in der Tat sehr genau und soll hier nicht in Frage gestellt werden – lediglich die Zeitangabe dazu widerspricht den Primärdaten.

Auch die Logs des Tages, eine freilich derivative Quelle, widersprechen an zentralen Punkten den Zeitangaben Minetas:

6. Eine timeline des Secret Service vermerkt die Evakuierung von Cheney für 09:37 Uhr, zu spät für einen „50 miles out“-Dialog, der sich auf AA 77 bezöge (meine Herv., vgl. auch die Ausführungen von Miles Kara zu diesem und weiteren Aspekten der timeline):

0925 open line w[ith] FAA Pres Ops.
0927 FAA PO advised two a/c [aircraft] unaccounted for
0930 One of [the aircraft] is approaching W[ashington] DC not communicating w[ith] Tower
0931 [Tower] advises [aircraft] is 30 miles out of W[hite] H[ouse]
0934 JOC observes [aircraft] 10 miles out
0935 [unleserlich] [aircraft] turns [unleserlich]
0936 [aircraft] circles [unleserlich]
0937 V[ice] P[resident]

Die Angabe eines auf DC zufliegenden Flugzeugs um 09:30 ist nicht minutengenau, aber annäherungsweise durch Primärdaten gedeckt. Um 09:34 informieren Controller des Dulles International Airport (IAD) den TRACON des Reagan National Airport (DCA) über die anfliegende Maschine AA 77, vgl. FAA-Tape IAD, Position Final West:

National sixty-two, anybody quickly, please! National, we got a primary target heading for P 56 to the west, ten west, fast moving.

Vgl. FAA-Tape DCA 109, Position TRACON Supervisor:

This is Dulles Approach Control, we´re tracking a fast-moving primary heading towards the White House, the White House has been advised.

7. Das Shelter Log des PEOC vermerkt die Ankunft von Norman Mineta im PEOC für den Zeitpunkt 10:07 Uhr, lange nach dem Dialog, den Mineta laut eigener Erinnerung um 09:20 gehört hat.

8. Das Transkript der Air Threat Conference deckt sich mit den handschriftlichen Notizen anwesender Beobachter (zit. nach Summers/Swan, The Eleventh Day, S. 141f.). Lynn Cheney notiert für 10:12 EDT:

60 miles out – confirmed JOC
hijacked aircraft
fighters cleared to engage

Scooter Libby notiert für “10:15-18″:

Aircraft 60 miles out, confirmed as hijack – engage? VP: Yes. JB: Get president an confirm engage order

Ergebnis

Die Zusammenführung dieser Daten ergibt folgendes Bild: Belegt ist eine Version, in der Cheney
- über ein sich annäherndes Flugzeug gegen 10:15 Uhr informiert wird und
- einen Abschussbefehl gegen 10:15 Uhr erteilt.
Ein Kandidat für dieses Flugzeug ist der projizierte Flug UA 93, für den
- eine neuer Flugplan nach DC ab 09:56 Uhr sowie
- eine Weitergabe an Personen in DC vor Ort inkl. des PEOC
belegt sind. Minetas eigene Angaben zum Flugplan des sich annähernden Flugzeugs decken sich mit den virtuellen Flugdaten dieses Flugzeugs, lediglich seine Zeitangabe passt nicht hierzu.
Nicht belegt ist hingegen eine Version, in der
-  Cheney Positionsupdates über AA 77 erhielt (Interpretation von Bröckers/Walther, Schreyer und Mineta selbst),
- Cheney einen Abschussbefehl um 09:25 Uhr oder überhaupt vor dem Pentagon-crash erteilte (Interpretation von Schreyer und Mineta selbst) oder gar
- Cheney einen stand-down-Befehl um 09:25 Uhr erteilte (Interpretation von Bröckers/Walther und den meisten Gegnern der “offiziellen Version”).

Angesichts dieses eindeutigen Bildes erübrigt sich die langwierige Diskussion um Minetas Aussage und diverse Medienberichte, bis Gegner der “offiziellen Version” ihre Variante der Cheney-Order durch gleichwertige Daten zumindest plausibel gemacht haben. Mit Blick auf die bisher vorgelegten Versuche ist eine solche Fundierung nicht zu erwarten. So reagiert der Autor Georg Lehle bei 911-archiv.net auf die Information über die projizierte Flugbahn von UA 93 mit einer weiteren Falschbehauptung:

In der Tat wurde kurzzeitig die Flugroute von Flug 93 “künstlich” simuliert und weiterverfolgt. Laut 911-Kommssion endeten jedoch die Meldungen über dieses sich annähernde “Phantom” 60 Meilen vor der Hauptstadt.

Das als Beleg verlinkte Staff Statement 17 der 9/11 Kommission indes enthält zwar die Behauptung, dass es eine Meldung über den projizierten Flug UA 93 sechzig Meilen vor DC gab, nicht jedoch die, dass die Meldungen über diesen Flug nach 60 Meilen endeten:

The military aide returned a few minutes later, probably between 10:12 and 10:18, and said the aircraft was 60 miles out. He again asked for authorization to engage. The Vice President again said yes. The Secret Service was postulating the flight path of United 93, not knowing it had already crashed.

Die tatsächliche Version des Staff zum Ende des revidierten Flugplans beruht auf den TSD-Tapes und wird von Kommissionsmitarbeiter Miles Kara unmissverständlich wiedergegeben (meine Herv.):

The 9-11 Commission Staff concluded that Mineta and the Vice President were not together in the PEOC until after 10:00. The plane they dealt with was the by then notional UA 93 as it completed the flight plan entered by Cleveland Center and “landed” at Reagan National at 10:28.

Lehle versucht auch, die von Mineta detailliert beschriebene Flugbahn des Flugzeuges mit der Flugbahn von AA 77 in Einklang zu bringen:

Die grundsätzliche Frage bleibt, ob überhaupt von einer exakten nord-östlichen Flugbahn gesprochen werden kann oder mehr von einem ungefähren Raten Belgers, von wo das Flugzeug in den Luftraum Washingtons D.C. einfliegen wird (“coming in”).
Übrigens flog Flug 77 zwischen diesen beiden Punkten von Osten auf die Hauptstadt zu und flog dann auch von leicht nördlicher Richtung (siehe Grafik links).

Über die Verträglichkeit oder Nichtverträglichkeit von Minetas Angaben mit dem dokumentierten Anflug von AA 77 kann und sollte natürlich jeder Leser ein eigenes Urteil fällen (s.o. Grafik). Ich halte die Unverträglichkeit für offenkundig – der Anflug von AA 77 aus dem Osten und die Schleife vor dem Pentagon sind ist etwas völlig anderes als der gerade Anflug aus dem Norden, den Mineta beschreibt.

Ergänzend sei zuletzt angemerkt, dass Minetas Zeugenaussage weitere Widersprüche zu anderen bekannten Zeiten generiert, etwa zur Evakuierung des Weißen Hauses und zur Ankunft von Lynn Cheney im PEOC. Entsprechende Abwägungen sind in ausführlichen Artikeln bei 911Myths und mosaik911 hinterlegt und sollten mit der „skeptischen“ Replik Lehles bei 911-archiv.net gegengelesen werden.

Update, 02.03.2014: Ergänzung Beispiele in 3., kleine Ergänzungen in 2. und 4. nach Diskussionen im Gulli Forum.

Update, 12.09.2015:

Die Amtszeit von George W. Bush als Präsident der USA war geprägt von Maßnahmen der Geheimhaltung und Verschleierung. Noch vor Ende seines ersten Amtsjahres unterzeichnete Bush im November 2001 eine Executive Order, d.h. einen Erlass, der keine Zustimmung vom Kongress benötigt, die es dem Weißen Haus gestattete, die Dokumente seiner Präsidenten bei Bedarf bis auf unbestimmte Zeit unter Verschluss zu halten (Executive Order 13233).
Seitdem zieht sich das Thema der Geheimhaltung wie ein roter Faden durch die Jahre 2001 bis 2009 (vgl. u.a. Woodwards State Of Denial, Mayers The Dark Side und Greiners 9/11).

Mit dem Ende der Amtszeit von George W. Bush als Präsident der USA im Jahr 2009 änderte sich die Sachlage. Der neugewählte President Barack Obama hob als eine seiner ersten Amtshandlungen noch im Januar mit der Executive Order 13489 Bushs Order 13233 auf und veröffentlichte in der Folge die als „Torture Memos“ bekannt gewordenen juristischen Einschätzungen der extremen Verhörpraktiken der CIA während der Zeit der Bush-Administration (Pressemitteilung, die Memos).

Das Nationalarchiv der Vereinigten Staaten (NARA) übernahm währenddessen viele Aufzeichnungen, Dokumente und Akten der Bush-Administration für die patriotisch orientierte Einrichtung der Präsidentenbibliothek.
Das George W. Bush Presidential Center, das u.a. die Präsidentenbibliothek des 43. Präsidenten der USA beinhaltet, wurde im April 2013 eröffnet und stellt gleichsam eine Auswahl dieser Dokumente der Öffentlichkeit zur Verfügung, darunter Fotos des Präsidenten vom 11. September 2011.

Die Cheney-Fotos

Im Juni 2015 veröffentlichte NARA nach einer FOIA-Klage der Senderkette PBS (Details hier und hier) zusätzlich zum Material der offiziellen Präsidentenbibliothek eine Serie Fotos von David Bohrer und anderen offiziellen Fotografen des Weißen Hauses, deren Protagonist nicht George W. Bush, sondern seinen Vize Richard „Dick“ Cheney ist.
Unter den über 3000 Aufnahmen befindet sich auch ein Set, das Dick Cheneys Aktivitäten am 11. September 2001 dokumentiert. Die Fotos von David Bohrer zeigen im wahrsten Sinne des Wortes minutiös Cheneys Bewegungen vom Weißen Haus ins PEOC und über Marina Two bis nach Camp David.
Mit diesen Fotos, ihre Authentizität vorausgesetzt, endet auch die jahrelange Debatte um Norman Minetas Erinnerung.

Dick Cheney im Büro

Eines der letzten Fotos aus Cheneys Büro (Bild V1546-13) hält u.a. das aktuelle Programm von ABC News auf dem Fernsehbildschirm fest. Zu sehen ist eine Nahaufnahme des brennenden Nordturms und der Schriftzug „Voice of: MARK OBENHAUS“.
Die Aufnahme der Sendung im 9/11-TV-Archiv grenzt die Szene auf die Minute genau ein. Um 09:34 EDT wird der Augenzeuge Mark Obenhaus telefonisch interviewt, um 09:35 EDT erscheint der Schriftzug, um 09:36 EDT folgt der Zoom auf den Nordturm.
Wenn Cheney erst nach diesem Zeitpunkt aus dem Büro evakuiert wurde, kann er nicht um 09:20 EDT im PEOC von Mineta gehört und beobachtet worden sein.

Norman Mineta im PEOC

Das erste Foto von Mineta (Bild V1543-19) zeigt diesen beim Betreten des PEOC und lässt sich auf den Zeitraum zwischen 10:03 und 10:18 EDT eingrenzen, d.h. beinahe eine Stunde später als Mineta selbst glaubt, im PEOC angelangt zu sein (ausführliche Darstellung).
Weitere Fotos (u.a. Cheney, der die für 09:30 EDT verbürgte, improvisierte Rede des Präsidenten an der Emma E. Booker Elementary School in seinem Büro im Fernsehen ansieht) grenzen das zu Sehende zeitlich ein und zeigen unmissverständlich auf, dass Minetas Erinnerung fehlerhaft ist, mithin Cheneys „Does the order still stand“ lange nach dem Einschlag von AA 77 ins Pentagon geäußert worden sein muss.
Die Fotos fügen sich damit nahtlos ein in die bekannten Daten (s.o.) und sind ein mit vielen Jahren verzögertes nachgeschobenes Puzzleteil, das die „offizielle Version“ der Geschehnisse im PEOC, wie sie im 9/11 CR zu finden ist, bestätigt.

Reaktionen

Die Bedeutung der Fotos für die Mineta-Debatte fiel frühzeitig den Bloggern Shoestring und mikealfaromeo auf der „Truther“-Plattform 9/11-Blogger auf, auf deren Entdeckungen auch die obigen Ausführungen zurückgehen (vgl. die Kommentare zu diesem Artikel).
Miles Kara kommentiert die Veröffentlichung der Fotos hier mit weiteren Details.
Mathias Bröckers ignoriert die Aussagekraft der Fotos hier mit weiterer Eigenwerbung.

 

Update, 02.03.2016: Als das Argument gegen die Verlässlichkeit des 9/11 CR führt David Ray Griffin über diverse Vorträge und Bücher zu 9/11 die Mineta-Episode an (vgl. u.a. Griffin, The 9/11 Commission Report, S. 37 und Griffin, Debunking 9/11 Debunking, S. 31ff.). Ein Argument aus einem Beitrag für den 9/11 Toronto Report zeigt die Untiefen, in die Griffin hierbei zu gehen bereit ist (Griffin, Anomalies, S. 168):

Given the fact that the airspace over the Pentagon is categorized as “forbidden,” meaning that commercial aircraft are never permitted in it, plus the fact that two hijacked planes had already crashed into the Twin Towers, the expected orders, if an unidentified plane were approaching that airspace, would have been to shoot it down. Had Cheney given those orders, there would have been no reason for the young man to ask if the orders still stood. His question made sense only if the orders were to do something unexpected: not to shoot it down. The most natural interpretation of Mineta’s story, accordingly, was that he had inadvertently reported that he had heard Cheney confirm stand-down orders.

Anders als für den weltfremden Schreibtischgrübler (anderes Beispiel) ist der Abschuss eines vollbesetzten Passagierflugzeugs keine Selbstverständlichkeit und war es auch 9/11 nicht. Unter anderen 9/11 vertretenen Militärvertretern wurde er sogar als so gefährlich eingeschätzt, dass er nur verzögert an die Piloten weitergegeben wurde – was prompt andere Skeptiker auf den Plan rief, die dies wiederum verdächtig finden. Manche Einwände sind wirklich völlig beliebig.

Literatur

Bröckers, Mathias/Walther, Christian: 11.9. – zehn Jahre danach: Der Einsturz eines Lügengebäudes. Frankfurt a. M.: Westend 2011

Creed, Patrick/Newman, Rick: Firefight. Inside the Battle to Save the Pentagon on 9/11. New York: Presidio Press 2008

Darling, Robert J.: 24 Hours Inside the President´s Bunker. 9-11-01 The White House. New York: iUniverse 2010

Gellman, Barton: Angler. The Cheney Vice Presidency. New York: Penguin Press 2008

Goldberg, Alfred/Papadopoulos, Sarandis/Putney, Diane T./Berlage, Nancy K./Hancock Welch, Rebecca: Pentagon 9/11. Washington, DC: DoD 2007

Greiner, Bernd: 9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen. München: C.H. Beck 2011

Griffin, David Ray: The 9/11 Commission Report. Ommissions and Distortions. Northampton: Interlink 2005

Ders.: Debunking 9/11 Debunking. An Answer to Popular Mechanics and other Defenders of the Official Conspiracy Theory. Northampton: Interlink 2006

Ders.: Anomalies in the Official Accounts of American 77 and United 93. In: The 9/11 Toronto Report. Issued from the International Hearings on the Events of September 11, 2001. Ed. by James Gourley. IC for 9/11 Studies 2012

Kean, Thomas H./Hamilton, Lee H.: Without Precedent. The Inside Story of the 9/11 Commission. New York: Vintage Books 2006

Lofgren, Stephen J. (Ed.): Then Came the Fire. Personal Accounts from the Pentagon. 11. September 2001. Washington, D.C.: Center of Military History 2011

Mayer, Jane: The Dark Side. The Inside Story of How the War on Terror Turned Into a War on American Ideals. New York: Doubleday 2008

Schreyer, Paul: Inside 9/11. Neue Fakten und Hintergründe zehn Jahre danach. Berlin: Kai Homilius Verlag 2011

Shenon, Philip: The Commission. The Uncensored History of the 9/11 Investigation. London: Little Brown 2008

Summers, Anthony/Swan, Robbyn: The Eleventh Day. The Full Story of 9/11 and Osama Bin Laden. New York: Ballantine Books 2011

Vogel, Steve: The Pentagon. A History. New York: Random House 2008

Woodward, Bob: State of Denial. London: Simon & Schuster 2006

 

Thanks to Brian Stark for his research on the UA 93 flight plan update.

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