Kein SOF für Langley

Der fehlende SOF

Zwei Darstellungen desselben Gesprächs.

1. Lynn Spencer, Touching History, S. 118:

[W]hen he [Craig “Borgy” Borgstrom] passes Barn Two on his way, the crew chief holds out a phone to him and says, “Hey, Borgy, come here. Somebody from the Sector [NEADS] needs to talk to you.”
The NEADS officer wastes no time on formalities. “How many airplanes can you get airborne?” he barks.
“I have two F-16s at battle stations right now,” Borgy explains.
“That´s not what I asked!” the officer responds with an urgency bordering on anger. “How many total aircraft can you launch?”
Borgy pauses for a moment. He´s not on alert, but he is an F-16 pilot. “Well, the only other pilot here is me – I can fly,” he replies. “I can give you three!”
“Suit up and go fly! We need all of you at battle stations!”
This is almost unthinkable. If he goes up, there will be no supervisor of flying.

2. NEADS-Tapes, SD2 Op, 09:14:30 EDT:

Langley Staffer: Yeah, [unverständlich] Sergeant Johnson.
NEADS James Anderson: Yes, this is Major Anderson from the Northeast Air Defense Sector.
Langley Staffer: Yes, sir.
NEADS Anderson: I’m looking for your SOF, if he’s available. Actually, you can maybe answer my question.
Langley Staffer: Yep.
NEADS Anderson: We’re wanting to know how many aircraft you have down there with your spares, and how many pilots if we possibly need them.
Langley Staffer: Four and three.
NEADS Anderson: You have four aircraft and three pilots?
Langley Staffer: Yep.
NEADS Anderson: Okay. Are our three pilots there and able to fly?
Langley Staffer: Uh, we have three total, so [unverständlich] yeah.
NEADS Anderson: Okay. Uh, so basically what I’m requesting you to do is get those guys ready to go and keep them, uh, basically on status. We’ll let you know once we know.
Langley Staffer: Hang on one – [zu Borgstrom] Borgy, come here. [Zu Anderson] I got the SOF for you right now.
NEADS Anderson: Okay.
Langley Borgstrom: This is Captain Borgstrom.
NEADS Anderson: Hey, this is Major Anderson, the MCC at NEADS.
Langley Borgstrom: Hey, what´s up?
NEADS Anderson: If you guys have been watching the news, I’m sure you’re probably aware now we’re, we’re wanting to, we just wanted to confirm your number of aircraft and pilots available if we need to scramble you guys, if we can scramble more than two. So I was told you have four airplanes and three pilots. Is that correct?
Langley Borgstrom: That’s correct, with no SOF. But yeah, we can get three airborne if we have to.
NEADS Anderson: Okay. Just stand by to stand by. We’ll let you know if we need to do that.
Langley Borgstrom: Okay.
NEADS Anderson: But you can only put three in the air, so we need to –
Langley Borgstrom: Only two hot birds. You understand that, correct?
NEADS Anderson: I understand that.
Langley Borgstrom: Okay.
NEADS Anderson: Okay.
Langley Borgstrom: All right. We’ll, we’ll gin another one up.
NEADS Anderson: Okay.
Langley Borgstrom: Thanks.
NEADS Anderson: Thanks. Bye. [In ein anderes Telefon, vermutlich an den Fighter Officer:] Hey, Langley, Langley has four aircraft, but they only got three pilots. So they can have two hot birds and they’re ginning up the other one to fly. They can put three in the air if they have to.

Die Unterschiede sind markant, werden mehr noch als am Transkript an der Tonaufnahme deutlich und betreffen alle Ebenen: Tonfall, Stichwortgeber, Inhalt. Im Gegensatz zu der Darstellung bei Spencer lässt der Wortlaut der Tonaufnahme überhaupt keinen Konflikt vermuten. Die Benachrichtigung, dass bei einem scramble mit drei Flugzeugen der SOF nicht an seinem Platz wäre, wird im O-Ton von beiden Gesprächsteilnehmern beiläufig abgehandelt. Borgstrom erwähnt sie in einem Nebensatz („with no SOF“) und Anderson geht weder darauf ein noch erwähnt er es, als er die Anzahl der verfügbaren Piloten nach Beendigung des Gesprächs im SOCC weitergibt. Das Thema ist sofort im Anschluss an diese Mitteilung durch und Anderson kümmert sich um Tankerunterstützung für die Abfangjäger, bis einige Minuten darauf der scramble-Befehl für Langley gegeben wird.
Während des scramble-Prozederes ist die Anzahl der Langley-Jäger noch einmal kurz Thema, doch auch hier fehlt eine SOF-Referenz (NEADS-Tapes, ID2 Op, 09:26:10 EDT):

NEADS Anderson: Langley has three aircraft, so we have four aircraft –
NEADS Staffer: Okay, let’s find them.
NEADS Anderson: He can get three airborne. Only two of them are hot. I passed that to the FO [Fighter Officer].

Der Langley-scramble und die Rolle des SOF

Die Aufgaben des SOF bei einem scramble werden im Borgstrom MFR und bei Lynn Spencer beschrieben:

SoF duties. The SoF keeps track of weather, safety, and other ground-related admin and logistics duties. The SoF does not do anything with tactics in the air. (Borgstrom MFR, S. 2)

During a scramble, it is the SOF´s responsibility to monitor the jets – to work with local controllers to ensure priority handling and to make sure that the pilots are receiving lawful launch orders. The SOF stays in close communication with NEADS to get any and all information about the mission to pass on to his pilots and assesses weather, airfield status, and spare alert aircraft status in case of an abort by one of the primary fighters. (Spencer, Touching History, S. 118)

Um diese Aufgaben wahrzunehmen, bleibt der SOF am Boden. 9/11 saß er in Gestalt von Craig Borgstrom im Jet mit dem Rufzeichen Quit 27.

Der Langley-scramble missglückte. Die Abfangjäger flogen nach dem Start um 09:24 EDT erst aufs offene Meer statt in Richtung Washington und waren daher auch einige Minuten lang für NEADS nicht per Funk erreichbar. Wertvolle Minuten verstrichen. Als AA 77 ins Pentagon stürzte, befanden die Flieger im Ergebnis 105 Meilen entfernt über dem Ozean.
Über die Rolle, die das Fehlen des SOF beim Missglücken des Langley-scramble spielte, kursieren unterschiedliche Varianten. Während der 9/11 CR die Betonung auf die Tatsache legt, dass die Langley-Flieger keine Zielkoordinate erhalten hatten und daher ein standardisierter Flugplan in Kraft trat (vgl. 9/11 CR, S. 27, sowie ausführlich Miles Kara hier und hier), legen einige Autoren auch auf das Fehlen des SOF einen Fokus, insbesondere auf die Tatsache, dass er als Kommunikationsbindeglied zu den Piloten in den kritischen Minuten des Flugs aufs offene Meer fehlte (Spencer, Touching History, S. 149):

He [William Huckabone, NEADS Weapons Controller] can´t get word to the jets through their SOF – he´s flying! And NEADS has no direct method of contacting the jets, as they are out of radio range over the ocean in Giant Killer´s airspace.

Diese Frage soll und kann an dieser Stelle nicht entschieden werden. Vor einem zu schnellen Urteil gehören  in jedem Fall vier Aspekte in die Waagschale geworfen.
Erstens, der Platz, den Borgstrom hinterließ, war nicht leer (Borgstrom MFR, S. 2).

When Borgstrom scrambled there was no SoF, so an F-16 pilot from First Fighter Wing came over.

Zweitens, die Koordination des Starts unterlag nicht dem SOF, sondern dem zuständigen FAA-Tower – auch die AFBs der USAF haben zuständige zivile Lotsen.
Drittens, auch die drei Piloten der Quit-Flieger inkl. des SOF griffen nicht korrigierend ein, als ihre Flieger in die falsche Richtung gesendet wurden.
Viertens, es handelte sich um eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten, in der viele Entscheidungen in kurzer Zeit und bei einem ungewissen Bedrohungsumfang getroffen werden mussten.

Doch sicherlich besteht auch unter diesen Rahmenbedingungen die Möglichkeit, dass ein SOF korrigierend in die falsche Route hätte eingreifen können. Die Kritik an der Idee, den SOF überhaupt mit in die Luft zu schicken, ist daher in einen Augen nachvollziehbar.

Der SOF und die Erinnerung

Der Beispielfall des SOF illustriert, warum es problematisch ist, einen solchen Komplex ausschließlich auf Basis von den Meinungen und Erinnerungen teilnehmender Personen zu rekonstruieren. Im Fall der Spencer-Darstellung beruht die Rekonstruktion des kritischen Telefongesprächs, das zum Abheben des SOF führte, auf den Erinnerungen von Craig Borgstrom, vgl. auch das Borgstrom-Interview mit Leslie Filson.
Diese Erinnerungen wiederum haben bereits den Filter der 9/11-Ereignisse, in dem Fall des verkorksten Langley-scrambles, durchlaufen. Nach dem Filterdurchlauf war der nachfragende NEADS-Offizier der bellende Platzhirsch, der sich nichtmal vorstellt; und das proaktive Langley-Team die niedergebellte Gegenseite, die versucht, ihren SOF am Boden zu behalten.
Natürlich wird jeder, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, die Schuld möglichst beim Anderen suchen. So fand sich nach 9/11 auch niemand, der z.B. für den falschen Report über „Phantomflug 11“ die Verantwortung übernahm. Umgekehrt waren für Dinge, die gut liefen, plötzlich etliche Parteien gleichzeitig verantwortlich. So änderte sich z.B. der Name der Person, die 9/11 den allgemeinen Ground Stop einleitete je nachdem, wer gerade vor dem Interviewmikrofon stand.
Unter anderem solcher Eigennützigkeitsmechanismen wegen ist es wichtig, Ereignisse mit Primärdaten wieder auf die Füße zu stellen.
Spencer, die an vielen Stellen als Durchlaufstation für die Erinnerungen Beteiligter fungiert (vgl. auch das Kapitel Andrews), gelingt dies nicht. Die subjektiven Blickwinkel, die Spencers Narrativ prägen, machen einen Reiz ihres Buchs aus, man muss allerdings um sie wissen, um ihre Gültigkeit einzuschätzen.

Der Langley-Marr

Der Journalist Paul Schreyer wirft Col. Robert Marr in seinem Buch Inside 9/11 eine Reihe von Verzögerungen vor: „Fünf Verzögerungen – und ein Verantwortlicher“ (Schreyer, Inside 9/11, S. 74). Einer der Vorwürfe betrifft den Start von drei statt zwei Fliegern der Langley AFB und das damit zusammenhängende Abheben des SOF: „Doch Befehl war Befehl – Borgstrom flog als dritter Mann mit.“ (Schreyer, Inside 9/11, S. 59).
Schreyer wiederum fungiert in diesem Fall als Durchlaufstation für Spencer. Die Schreyer-Darstellung nimmt alle Elemente der Spencer-Darstellung mit – den bellenden Platzhirsch, den niedergebellten SOF – entfernt sich aber noch ein weiteres Stück vom durch die Tonaufnahme dokumentierten Stand der Dinge, denn Schreyer geht davon aus, dass der „seltsame Anruf“ aus Marrs Battle Cab kam (Schreyer, Inside 9/11, S. 59):

Wenn der unbekannte Anrufer daher tatsächlich von NEADS aus angerufen hatte, musste es jemand aus Colonel Marrs Gefechtsstand gewesen sein, der räumlich von Nasypanys „Operations Floor“ getrennt ist.

Der Vorwurf geht allerdings an den falschen Adressaten. Der entsprechende Anruf kam ausweislich der NEADS-Tapes von Maj. James Anderson vom Operations Floor, der im Anschluss Bericht an den FO im Battle Cab – Brian Daniels – erstattete. Zumindest diese Verzögerung kann Marr nicht angelastet werden, was sie für Schreyers „Anklageschrift“ gegen Mar eher unbrauchbar macht.

Damit soll wie gesagt der sachliche Hintergrund der Kritik nicht verneint werden. Die Entscheidung, den SOF mit aufsteigen zu lassen, egal in welchem Prozentverhältnis man sie auf Personen auf der Langley AFB und des NEADS verteilt, scheint im Nachhinein keine kluge gewesen zu sein.

 

Literatur

Schreyer, Paul: Inside 9/11. Neue Fakten und Hintergründe zehn Jahre danach. Berlin: Kai Homilius Verlag 2011

Spencer, Lynn: Touching History. The Untold Drama that Unfolded in the Skies over America on 9/11. New York: Free Press 2008

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