Home Run

Gegner der „offiziellen Version“ der Anschläge vom 11. September 2001 verneinen i.d.R. die Anwesenheit von arabischen Terroristen an Bord der vier entführten Maschinen. Die aus einer solchen Verneinung zwangsläufig resultierende Frage ist die, wer dann die vier Maschinen in ihre Ziele flog.
Gegner der „offiziellen Version“ gehen i.d.R. (die No-Plane-Fraktion ausgenommen) davon aus, dass die Flugzeuge ferngesteuert wurden. Einige folgen hierbei der Home-Run-Theorie. Folgt man dieser Theorie, verfügt jedes Linienflugzeug seit den 70ern bereits serienmäßig über einen einen Mechanismus, der eine Kontrolle von außen erlaube. Auf S. 203f. seines Buches behauptet Andreas von Bülow, die schlechte fliegerische Kunst der Attentäter

brachte einen ehemaligen britischen Luftfahrtingenieur zu der Annahme, die vier Flugzeuge müßten ferngesteuert worden sein. Der amerikanische Journalist Joe Vialls veröffentlichte die anonym bleibende Stellungnahme des Ingenieurs auf seiner Homepage im Internet. Danach habe die britische Luftwaffe bereits in den fünfziger Jahren die Technik entwickelt, Kampfflugzeuge ohne Piloten steuern zu können. Im Zuge der Entwicklung dieser Technik seien vier schwere Phantom-Kampfjets elektronisch gelenkt gestartet, im Verbandsflug neben- und übereinandergeflogen und dann wieder gestaffelt zur Landung gebracht worden. Die Technik sei dann in den siebziger Jahren von der Defense Advanced Projects Agency (DARPA), der zur Umsetzung von Hightech-Entwicklungen aus dem militärischen Bereich in die zivile Nutzung geschaffenen Behörde des Pentagons, weiterentwickelt worden, um Passagierflugzeuge nach einer Entführung dennoch sicher ferngesteuert landen zu können. Diese elegante Technik ermögliche das Mithören der Gespräche im Cockpit des betroffenen Flugzeugs sowie die vollständige Übernahme des gesamten Flugmanagements von außen. Ab dieser Übernahme durch die Fernsteuerung kann das gekaperte Flugzeug ohne Rücksicht auf Entführer oder Crew automatisch auf dem gewünschten Flugplatz zur Landung gebracht werden. Das Ganze sei nicht schwieriger als das Steuern eines funkgesteuerten Modellflugzeugs. Die Entwicklungsingenieure konnten nicht ahnen, daß dreißig Jahre später der Code der supergeheimen Computer geknackt und das System mißbraucht werden könnte. Die Technik, Piloten von außen die Führung des Flugzeugs zu entwinden, sei auf vier Maschinen zur gleichen Zeit ausgelegt gewesen. Und es waren am 11 .9. vier Flugzeuge, die nach dem Start vom Boden aus kontrolliert und in die Ziele gesteuert worden seien – so die Meinung des anonymen Experten.

Der Artikel über das angebliche Fernsteuerungsprogramm stammt nicht von einem „anonym bleibenden britischen Ingenieur“, sondern von Joe Vialls. Vialls behauptet in dem Artikel, auf den von Bülow sich bezieht (und den er von S. 205 bis S. 208 seines Buches an der Grenze zum Plagiat wiedergibt), von sich selbst:

Joe Vialls is a former member of the Society of Licensed Aeronautical Engineers and Technologists, London.

Gemeint ist vermutlich die Society of Licensed Aircraft Engineers and Technologists, welche im Juli 1987 in die Royal Aeronautical Society aufging (Quelle, S. 3).
Home Run ist außerhalb des Vialls-Textes niemals bestätigt worden und es ist kein Fall bekannt, in dem es jemals genutzt worden wäre. Kein Wunder – Vialls selbst behauptet, dass das Projekt extremer Geheimhaltung unterläge (meine Hervorh.):

In order to make Home Run truly effective, it had to be completely integrated with all onboard systems, and this could only be accomplished with a new aircraft design, several of which were on the drawing boards at that time. Under cover of extreme secrecy, the multinationals and DARPA went ahead on this basis and built “back doors” into the new computer designs.

Woher weiß dann Vialls selbst von diesem Programm? Der Text liefert keine Antwort.
Vialls Ausführungen werfen weitere Fragen auf. Ein Beispiel:

The Home Run listening device on the flight deck utilizes the cockpit microphones that normally feed the Cockpit Voice Recorder (CVR), one of two black boxes armored to withstand heavy impact and thereby later give investigators significant clues to why the aircraft crashed. However, once hooked into Home Run, the CVRs are bypassed and voice transmissions are no longer recorded on the 30-minute endless loop recording tape. If Home Run is active for more than thirty minutes, there will therefore be no audible data on the Cockpit Voice Recorders. To date, crash investigators have recovered the CVRs from the Pentagon and Pittsburg aircraft, and publicly confirmed that both are completely blank. The only possible reason for this, is data capture by Home Run, providing the final hard proof that the attack aircraft were hijacked electronically from the ground, rather than by “Arab terrorists”.

Die präsentierten Informationen sind zweifelhaft. Erstens erscheint die Löschung des CVR im Home-Run-Modus unmotviert und kontraproduktiv, denn gerade im Fall einer Flugzeugentführung ist der CVR ein wichtiges Beweisstück. Zweitens war der CVR von UA 93 mitnichten “totally blank”. Die Aufnahme wurde von Personen bei FBI und NTSB, von Untersuchungsausschüssen und Familienmitgliedern eingehört, weshalb selbst Vialls eigener Theorie zufolge UA 93 nicht über Home Run kontrolliert worden sein dürfte.
Unabhängig von den Detailproblemen der Idee selbst ist ihre Herkunft ein Problem. Wer an “Home Run” glaubt, vertraut auf die Glaubwürdigkeit von Joe Vialls – doch ist Vialls glaubwürdig? Das Schaffen von Vialls – der selbst 9/11-”Skeptiker” ist (Bsp, Bsp, Bsp, Bsp) – bietet Irrsinn im Dutzend. Über den Mord an Yvonne Fletcher 1984:

Experts finally prove London policewoman was assassinated by Zionists

Über das Bombenattentat in Bali 2002:

Micro Nuke Used in Bali “Terrorist” Lookalike Attack. Zionists forcing Australian support for American war on Iraq

Über das Bombenattentat auf die australische Boschaft in Jakarta, Indonesien 2004:

Zionists Nuke The Australian Embassy in Indonesia

Über den asiatischen Tsunami 2004:

Tsunami result of U.S. nuclear bomb?

Über die Ermordung von Rafik Hariri 2005:

Zionists Nuke Downtown Beirut – Again!

Über die Soham-Morde 2002:

British Police torture least likely suspects Ian Huntley and Maxine Carr from Soham Village, while deliberately ignoring thousands of more likely suspects from nearby American Air Force bases

Auch eine gewisse Fixierung auf Juden ist Joe Viallis nicht abzusprechen:

Jews Blow Up Other Jews in Jerusalem Bloodbath

Jews Kick Home Goal to Open Gaza Season

Kosher Kerry Cons Christian America – Crikey! Democrat hopeful says personal Jewish heritage a ‘revelation’

Remote Control QU-22 Bombs Jewish Quarter in Hollywood

Quelle, Quelle, Quelle, Quelle

Die Lehre des Joe Vialls: Es sind immer entweder die Zionisten oder die Amerikaner und sie nutzen in der Regel Nuklearwaffen. Eine ernstzunehmende Quelle sieht anders aus.

Die Home-Run-Ausführungen von Joe Vialls werden auch innerhalb der vielschichtigen Riege der Gegner der “offiziellen Theorie” weitestgehend ignoriert, verworfen (911Research) oder mit Fälschungs- (Public Action) und Desinformationsvorwürfen bedacht (911Strike) – das ebenso unsinnige Gegenmodell zu von Bülows Leichtgläubigkeit gegenüber unbelegten Fernsteuerungsbehauptungen.
Apropos Fernsteuerung  – im Anschluss an die Vialls-Ausführungen führt von Bülow das leichtgläubig-unschuldige Gebaren nahtlos weiter (S. 210, meine Hervorh.):

In einem Beitrag im Internet wird behauptet, in den Verkehrsmaschinen vom Typ 757 und 767 habe Boeing über den Bordcomputer das Fliegen von Kurvenradien unmöglich gemacht, die Passagiere einer Belastung von mehr als 1 1/2 g, d. h. dem Anderthalbfachen des Körpergewichts, aussetzen. Diese Automatik soll vom Cockpit aus nicht ausschaltbar sein. Bei dem engen Kurvenradius der AA 77 über Potomac und National Airport im Anflug auf das Pentagon rechnen Sachverständige jedoch mit g-Werten von 5 bis 7, eine Größenordnung, die Kampfjetpiloten nur mit Hilfe ihrer Druckanzüge überleben. Werden diese Maschinen allerdings über die Hintertür des Bordcomputers ferngesteuert, kommt die Flugradieneinschränkung angeblich nicht zum Zuge.

Der anonyme “Beitrag im Internet” ist nicht nur auch die Quelle für die Behauptung, dass “bei dem engen Kurvenradius der AA 77 über Potomac und National Airport im Anflug auf das Pentagon [...] Sachverständige [...] mit g-Werten von 5 bis 7 [rechnen]“, sondern darüber hinaus falsch. Es gibt keine Einschränkung der Fliehkräfte auf maximal 1,5G bei Boeing 757 oder 767, wie Beispielfälle zeigen:

The pitch angle, angle of attack, and load factor also started to increase at this point, so that when the FDR recorded the last data for the accident flight at 0150:36.64, the pitch angle had increased to about 8º nose down, and the airplane was experiencing about 2.4 Gs.

Ägyptische Boeing 767, Oktober 1999

During the pull-up the load factor increased to positive G-value of 3.59.

Isländische Boeing 757, Januar 2002

In einem Interview mit dem Tagesspiegel 2002 äußerte sich von Bülow entsprechend der dünnen Quellenlage vorsichtiger:

Von Bülow […]: Es gibt auch die Theorie eines britischen Flugzeugingenieurs: Danach ist den Piloten die Steuerung der Flugzeuge möglicherweise von außen aus der Hand genommen worden. Die Amerikaner hätten in den 70er Jahren eine Methode entwickelt, um entführte Maschinen durch einen Eingriff in die Computersteuerung zu retten. Diese Technik sei hier missbraucht worden. Das ist eine Theorie…
Tagesspiegel: …die recht abenteuerlich klingt und von der noch nie die Rede war.
Von Bülow: Sehen Sie! Ich mache mir diese Theorie ja nicht zu eigen, aber ich finde sie bedenkenswert.

Im Jahr 2007, in Unter falscher Flagge, min 24:15, wird die Theorie dann doch zum Fakt erklärt:

Die Amerikaner haben in den 70er Jahren die Technik entwickelt, Privatflugzeuge, große Verkehrsflugzeuge, von denen man annehmen musste, dass sie möglicherweise gehijackt werden, dass man die über Fernsteuerung dem Piloten einfach entziehen kann.

Und seitdem in diversen weiteren Interviews (Beispiel, min35:30):

Und deswegen gibt es da Leute, die da sagen, erstens mal, diese Maschinen müssen ferngesteuert gewesen sein. Die Technik gibt es. Die haben die Amerikaner entwickelt. Da braucht man auch ganz wenige Leute dazu, um das zu machen. Man muss den Piloten sozusagen die Kontrolle entwinden und zwar genau über die Technik, über die sie auch mit dem Boden korrespondieren. Das hätte man so machen können und dann wäre dort eine Möglichkeit gewesen, den Endanflug der beiden Maschinen auf den Nordtower und auf den Südtower mit leichten Korrekturen zu versehen.

Übrigens: Stellvertretern von Boeing zufolge hat der Pilot immer die Möglichkeit, Fremdsteuerung zu übersteuern:

A Boeing Company official stated that Boeing has designed its commercial airplanes so that it is impossible to control them remotely. Elizabeth Verdiev, a spokesperson for Boeing, stated on June 16, 2005:
“No Boeing commercial jet transport can be controlled from outside the airplane. No Boeing commercial jet transport can be “commanded” or have its flight controlled other than from within the flight deck by the pilots. Pilots can program the airplane to take off, fly to a destination and land automatically, but Boeing design philosophy keeps pilots in control and in the decision-making loop at all times.”

Quelle

On Boeing jets, the pilot can override onboard computers and their built-in soft limits.
“It’s not a lack of trust in technology,” said John Cashman, director of flight-crew operations for Boeing. “We certainly don’t have the feeling that we do not want to rely on technology. But the pilot in control of the aircraft should have the ultimate authority.””

Quelle

 

Update, 10.03.2015:

Auch die wirrste und selbst unter Gegnern der “offiziellen Version” weitläufig skeptisch betrachtete Theorie erfährt aufgrund der geringen Selbstreinigungskräfte der “9/11-Truth”-Bewegung irgendwann ein Revival (Bsp.). Im Falle von Home Run liefert dieses Revival der Autor Mark Gaffney, der in seinem Buch Black 9/11 von 2012 auf mehreren Seiten Joe Vialls´ Theorie zur Debatte stellt. Das umsichtige Fazit des Autors (Black 9/11, S. 146):

Although Vialls´ claims have never been confirmed, insofar as I know, they have never been refuted either.

Auf wen beruft sich Gaffney hierbei als Autorität? Natürlich auf Andreas von Bülow, “a former German government minister of research and technology, [who] took Joe Vialls´ Home Run scenario seriously enough that he discussed it in his controversial 2003 book, The CIA and September 11” (Black 9/11, S. 146).
Die beeindruckende Vita von Bülows wird im selben Atemzug für weitere Autoritätsandeutungen verwendet (Black 9/11, S. 147):

Von Buelow reportedly served on a German intelligence commitee as late as the 1990s, and in that capacity had access to classified information. Von Buelow might have been privy to the details concerning Lufthansa´s experience with Boeing and perhaps other classified information about 9/11 as well.

Die von “might have” und “perhaps” relativierten Einlassungen, die rasant den Haken von “classified information” zu “classified information about 9/11″ schlagen, bedürfen keines weiteren Kommentars außer der Ergänzung, dass von Büow selbst an keiner Stelle behauptet, seine Arbeit im Parlamentarischen Kontrollgremium oder im Schalck-Golodkowskis-Untersuchungsausschuss (Ausschussbericht, .pdf mit 29MB) in den frühen 90ern habe die Theorie von Vialls in irgend einer Weise bestätigt.

Literatur

Bülow, Andreas von: Die CIA und der 11. September. München: Piper 2003

Gaffney, Mark: Black 9/11. Money, Motive and Technology.Walterville: TrineDay 2012

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