Koordination der Flugmanöver

Im Juni 2011 erschien das Buch 11.9. – 10 Jahre danach: Der Einsturz eines Lügengebäudes von Mathias Bröckers und Christian Walther. In Kapitel 28 behaupten die Autoren, das Timing der Manöver der 9/11-Maschinen ließe darauf schließen, dass die Täter entweder per „Gedankenübertragung“ miteinander kommunizierten oder die Flugzeuge extern gelenkt wurden. Die These (Bröckers/Walther, S. 186, meine Herv.):

Mit militärischer Präzision war es den drei verbliebenen Piloten gelungen, auf die Sekunde genau, beginnend mit dem ersten Paukenschlag, unsichtbar zu werden. Bedenkt man, dass sie keinerlei Verbindung zueinander hatten und in unterschiedlich lang abflugverspäteten Maschinen saßen, nötigt einem diese komplett unwahrscheinliche Glanzleistung höchsten Respekt ab. Beziehungsweise ein höchst interessiertes Stirnrunzeln.

Die „drei verbliebenen Piloten“ sind UA 175, AA 77 und UA 93. Der „erste Paukenschlag“ ist der Einschlag von AA 11 in den Nordturm des World Trade Centers. AA 11 schlug um 08:46 EDT ins World Trade Center ein. Ausbuchstabiert und ernst genommen behaupten Bröckers/Walther also, dass in diesem oder kurz nach diesem Moment AA 77, UA 175 und UA 93 „unsichtbar“ wurden.
Zwei Parallelmanöver der Maschinen wollen die Autoren entdeckt haben, das Um-/Abschalten der Transponder und die Kurswechsel (ebd.):

Wer also wusste zu jeder Zeit auf Minute und Meter genau, wo sich alle am Anschlag beteiligten Maschinen befanden – und koordinierte das gleichzeitige Um- und Abschalten der Transponder und die ebenfalls gleichzeitigen Kurswechsel?

Doch diese Beobachtung verträgt sich nicht mit den bekannten Primärdaten (vgl. bspw. die NTSB-Reporte):

AA 11
: Kein Befolgen der Anweisung zu steigen um 08:13 Uhr, Transponder aus um 08:21 Uhr, Kurswechsel um 08:28 Uhr, Crash um 08:46 Uhr.
UA 175: Zweimaliger Wechsel des Transpondercodes um 08:46 Uhr, Aufstieg ohne Anweisung um 08:51 Uhr, Kurswechsel um 08:52 Uhr, Crash um 09:03 Uhr.
AA 77: Leichter Kurswechsel um 08:55 Uhr, Transponder aus/Unsichtbar um 08:55 Uhr, Crash um 09:37 Uhr.
UA 93: Geringfügiger Aufstieg ohne Anweisung um 09:28 Uhr, Aufstieg ohne Anweisung um 09:34 Uhr, Kurswechsel um 09:34 Uhr, Transponder aus um 09:41 Uhr, Crash um 10:03 Uhr.

Nach Zeiten geordnet bedeutet das:

08:13
AA 11, Kein Befolgen der Anweisung zu steigen
08:21 AA 11, Transponder aus
08:28 AA 11, Kurswechsel
08:46 AA 11, Crash; UA 175, Wechsel des Transpondercodes
08:51 UA 175, Aufstieg ohne Anweisung
08:52 UA 175, Kurswechsel
08:55 AA 77, leichter Kurswechsel; AA 77, Transponder aus/Unsichtbar
09:03 UA 175, Crash
09:28 UA 93, Geringfügiger Aufstieg ohne Anweisung
09:34 UA 93, Aufstieg ohne Anweisung
09:34 UA 93, Kurswechsel
09:37 AA 77, Crash
09:41 UA 93, Transponder aus
10:03 UA 93, Crash

Es gibt demnach lediglich eine einzige minutengenaue Überschneidung irgendwelcher der relevanten Manöver um 08:46 Uhr.
Die entsprechenden Manöver von AA 77 finden in zeitlicher Nähe derer von UA 175, aber immer noch einige Minuten später statt (zudem im Zuständigkeitsbereich eines anderen Flugüberwachungszentrums).
Die entsprechenden Manöver von UA 93 finden über eine halbe Stunde später statt.
Das Bild ist also heterogen. Diese Geschehnisse können Bröckers/Walther nicht meinen, wenn sie vom „gleichzeitige[n] Um- und Abschalten der Transponder und [den] ebenfalls gleichzeitigen Kurswechsel[n]“ sprechen. Die Autoren beziehen sich entsprechend auf andere Geschehnisse und Zeitpunkte.
Zeitpunkt 1 (Bröckers/Walther, S. 185f.):

Um 8:39 Uhr kreuzten sich die Wege von Flug AA 11 und Flug UA 175 nordwestlich von New York. Zur exakt gleichen Zeit wich weit entfernt über Virginia Flug AA 77 vom Kurs ab und flog unplanmäßig nach Norden.

Es handelt sich um eine Nebelkerze. Zwei Flugzeuge fliegen übereinander – eine Banalität ohne irgendeinen Zusammenhang. UA 175 passiert zudem die Stelle der vermeintlichen Kreuzung zwei Minuten später (08:39 EDT) als AA 11 (08:37 EDT). Und die Koordination mit einem Kurswechsel von AA 77 ist eine Erfindung. AA 77 verhielt sich zu diesem Zeitpunkt normal und kommunizierte bis 08:50 Uhr mit dem ARTCC Indianapolis: „Direct FALMOUTH, American 77, thanks“ (FAA Tape des ZID, Position HNN-R). Ein Kurswechsel um 08:39 Uhr fand nicht statt.
Zeitpunkt 2 (Bröckers/Walther, S. 186):

Um 8:46 Uhr raste Flug 11 in den WTC-Nordturm. Im exakt gleichen Moment wendete nicht nur Flug 77 kurz vor Ohio erneut, sondern wechselte zudem Flug 175 nahe New York gleich zweimal den Transpondercode. Und das haargenau über dem gerade aus Newark gestarteten Flug UA 93.

Die Gleichzeitigkeit von dem Crash von AA 11 und dem Transpondercodewechsel von UA 175 ist korrekt erkannt.
AA 77 verhielt sich zu diesem Zeitpunkt normal, ein Kurswechsel um 08:46 Uhr fand nicht statt.
Zum Zeitpunkt der Transpondercodewechsel befanden sich UA 175 und UA 93 nicht ansatzweise „haargenau übereinander“. UA 175 flog in der Region Newton (Andover Township), UA 93 in der Region Madison (Chatham Township), ca. 35km entfernt. Zum Abgleich: Die RADES-Koordinaten für den Zeitpunkt des ersten Transpondercodewechsels lauten LAT 40.9987/LONG -74.6860 für UA 175 und LAT 40.7390/LONG -74.4118 für UA 93.
Zeitpunkt 3 (Bröckers/Walther, S. 186):

Um 8:51 Uhr wechselte Flug 175 den Kurs und reagierte fortan nicht mehr auf Anfragen per Funk. Gleichzeitig erschien über Allentown, Pennsylvania, ein unidentifizierbarer »Intruder« (Eindringling) auf den Schirmen der Losten. Im exakt gleichen Augenblick verstummte an der Grenze nach Ohio auch Flug 77 endgültig.

Der „Intruder“ ist UA 175 selbst mit neuem Transpondercode.
Worauf sich die Autoren mit der Behauptung, AA 77 „verstummte“ um 08:51 Uhr, genau beziehen, ist nicht ganz klar. Die letzte Kommunikation, bei der das Flugzeug antwortete, fand um 08:50 Uhr statt. Das Flugzeug begann um 08:55 Uhr den Kurs zu wechseln. Die erste Kommunikation, bei der das Flugzeug nicht mehr antwortete, fand um 08:56 Uhr statt.
Die Geschehnisse liegen zweifellos in zeitlicher Nähe zu dem „Verstummen“ (Nichtreagieren) von UA 175, fanden aber nicht „im exakt gleichen Augenblick“ statt.

Fazit

Die Ausführungen von Bröckers/Walther haben mannigfaltige Schwächen. Die Autoren stellen die vermeintlich koordinierte Manöver nicht etwa anhand der Primärdaten fest, sondern anhand jahrealter Beiträge in einem beliebigen Forum für Gegner der „offiziellen Version“ (vgl. die Fußnoten zum Kapitel in Bröckers/Walther, S. 294). Das schlechte Quellmaterial führt zu mehreren falschen Ergebnissen:
- einem Kurswechsel von AA 77 um 08:39 Uhr, den es nicht gab,
- einem weiteren Kurswechsel von AA 77 um 08:46 Uhr, den es nicht gab,
- einer Kreuzung von UA 93 und UA 175 um 08:46/08:47 Uhr, die es nicht gab und
- einem „Verstummen“ von AA 77 um 08:51 Uhr, das es nicht gab.
Hinzu kommen irrelevante Ergebnisse, d.h. von den Autoren korrekt erkannte Manöver, bei denen allerdings keine Koordination nötig ist:
- AA 11 und UA 175 flogen um 08:39 Uhr übereinander (Erklärung: ist angesichts desselben Startflughafens und desselben Ziels gut möglich) und
- exakt in den Moment, in dem der Transpondercode von UA 175 vom Radar verschwand, erschien ein neuer Transpondercode, der „Intruder“ (Erklärung: es handelt sich um ein und dasselbe Flugzeug).
Inkonsistenzen in der Beweisführung runden den Eindruck der nachlässigen Recherche passend ab: Bröckers/Walther schlussfolgern (S. 186): „Mit militärischer Präzision war es den drei verbliebenen Piloten [UA 175, AA 77, UA 93] gelungen, auf die Sekunde genau, beginnend mit dem ersten Paukenschlag, unsichtbar zu werden.“ Nicht einmal ihre eigenen Ausführungen mit allen falschen Zeitangaben belegen jedoch diese Schlussfolgerung, denn UA 93 taucht in der Beweisführung nicht auf.

Nach der Aussortierung der mannigfaltigen Fehler und Halbwahrheiten bleiben zwei Manöver, die „koordiniert“ erscheinen mögen:
Erstens,
um 08:46 Uhr fliegt AA 11 in den Nordturm des Word Trade Centers. In derselben Minute wechselt UA 175 den Transpondercode.
Zweitens, u
m 08:51 Uhr wechselt UA 175 den Kurs und reagiert nicht auf Funkanweisungen. Um 08:55 Uhr, also nur vier Minuten darauf, wechselt AA 77 den Kurs und reagiert nicht auf Funkanweisungen.
Von diesen Manöverpaaren ist genau eins auf die Minute abgestimmt. Zu diesem einen Manöverpaar gibt es deshalb nicht nur mannigfaltige Spekulationen von Fernsteuerungsvertretern wie Bröckers/Walther, sondern auch von “offizieller Seite”. So war Marwan Al-Shehhi bspw. in der Lage, aus dem Cockpit von UA 175 die Rauchschwaden des WTC zu sehen und stimmte den Wechsel des Transpondercodes möglicherweise darauf ab (E-Mail von Miles Kara, Mai 2010).
Die Einschätzung dieses Manöverpaars bleibt jedem selbst überlassen. Die Einschätzung dessen, was Bröckers/Walther dazu noch alles entdeckt haben möchten, ist hingegen, wenn man die Primärdaten zugrundlegt, eindeutig: Die Autoren führen ihre Leser einmal mehr in die Irre.

Update, 23. Oktober 2013: Ein kleiner Schnappschuss aus dem Universum der methodischen Unzulänglichkeiten.
Im September 2009 veröffentlichte das Infotainment-Magazin „Welt der Wunder“ einen achtseitigen Artikel zum Thema 9/11, „Die Geheimakten von 9/11“. Dem Artikel zufolge „tauchen bis heute Geheimdienstdokumente, CSI-Berichte und Zeugenaussagen auf, die gegen die Version des Pentagon sprechen“ (Wellmann, Die Geheimakten, S. 76). Das Ergebnis der Sichtung dieses Materials ist eine Ansammlung von Unsinn, Halbwahrheiten und absurden Gerüchten, auf die mangels Relevanz für die Themenstellung dieser Webseite hier nicht weiter eingegangen werden soll. Auf den Artikel angesprochen, reagiert Redaktionssprecherin Malita Kröger zurückhaltend (E-Mail vom 14. September 2001):

Mein Kollege hat sich im Lauftext schon von einigen Dingen distanziert, die als Beispiele vorgegeben wurden. Er wollte mit diesem Beitrag Fragen stellen, auf die es keine ausreichenden Antworten gibt.

Was tut man nicht alles für die Auflage …
Pünktlich zum 10-jährigen Jahrestag der Anschläge nahm sich derselbe Autor im selben Medium noch einmal des auflagensteigernden Themas an. In dem Artikel „11 Wahrheiten über den 11. September“ werden verschiedene Behauptungen und Schlüsse aufgestellt. Inhaltlich zeigt sich der Autor des Artikels hierbei geläutert. Hieß es anno 2009 noch „Wie passt ein Flugzeug in ein Fünf-Meter-Loch?“ (Wellmann, Die Geheimakten, S. 92) ist anno 2001 beiläufig von Flug „American Airline Flight 77, der später ins Pentagon raste“ die Rede (Wellmann, 11 Wahrheiten, S. 77).
Der inhaltliche und methodische Fortschritt täuscht indes nicht über neue Mängel hinweg. Hannes Wellmann zitiert mehrfach den Journalisten Paul Schreyer. Dieser war laut Eigenaussage Korrespondent Wellmanns beim Verfassen des Artikels. Entsprechend finden sich mehrere der Einlassungen in den Publikationen Schreyers, darunter der ungeklärte Otis-Scramble, der nicht weitergegebene Abschussbefehl, die Rücksprache bei CONR und die Verzögerung des Langley-scamble.
Unter der Liste an “Wahrheiten” über den 11. September 2001 befindet sich auch die angebliche Ungereimtheit, wie “die mutmaßlichen Attentäter ohne jeden Kontakt ihre Flugmanöver so genau aufeinander abstimmen [konnten]” (Wellmann, 11 Wahrheiten, S. 89). Wellmann bezieht sich hierbei auf die drei Datenpunkte Einschlag, Transponder- und Richtungswechsel.
Drei Daten bei vier Flügen macht insgesamt zwölf Daten:

08:21 AA 11, Transponder aus
08:28 AA 11, Kurswechsel
08:46 AA 11, Crash
08:46 UA 175, Wechsel des Transpondercodes
08:52 UA 175, Kurswechsel
08:55 AA 77, leichter Kurswechsel
08:55 AA 77, Transponder aus/Unsichtbar
09:03 UA 175, Crash
09:34 UA 93, Kurswechsel
09:37 AA 77, Crash
09:41 UA 93, Transponder aus
10:03 UA 93, Crash

Die einzige minutengenaue Koordination der Manöver zweier Flugzeuge findet um 8:46 Uhr statt (Einschlag von AA 11, Transponderwechsel von UA 175). Immerhin in zeitlicher Nähe dazu, um 08:55 Uhr, schaltet Hani Hanjour den Transponder von AA 77 aus. Alle anderen Datenpunkte sind zeitlich hinreichend weit entfernt, um den Koordinationsverdacht zu verwerfen.
Wie erzeugt man aus dem heterogenen Gesamtbild, bei dem lediglich zwei bzw. drei von zwölf Daten den Koordinationsverdacht überhaupt zulassen, eine “Ungereitheit”? Indem man als auszuwertende Datenmenge von Anfang an nur diese drei Daten zugrundelegt (Wellmann, 11 Wahrheiten, S. 89):

Die mutmaßlichen Attentäter in den 4 Maschinen konnten während der Flugzeugentführung nicht miteinander kommunizieren. Dennoch kam es innerhalb von nur 8 Minuten laut Protokoll des Commission Reports zu folgenden Ablauf: 8:46 Uhr: Einschlag von Flug 11 im Nordturm; 8:47 Transponderwechsel bei Flug 175 Richtung New York, 8:54 Uhr: Wende von Flug 77 Richtung Washington. Aber wie konnten die mutmaßlichen Attentäter ohne jeden Kontakt ihre Flugmannöver so genau aufeinander abstimmen?

Es handelt sich um ein Beispiel für den Texas Sharpshooter Fallacy, definiert als “ignoring the difference while focusing on the similarities, thus coming to an inaccurate conclusion” (Bennett, Logically Fallacious, S. 213). Der Texas Sharpshooter verschafft sich einen künstlichen Sieg – er schießt willkürlich zwölfmal in ein Scheunentor, zeichnet anschließend eine Zielscheibe um eine Anhäufung von drei Kugeln und verkündet einen Treffer. Der Autor der 11 Wahrheiten schafft eine künstliche Ungereimtheit – er sammelt nach den Parametern Einschlag, Transponderwechsel und Kurswechsel zwölf Flugzeugdaten, macht um die einzigen zwei bzw. drei homogenen Daten einen Kreis und verkündet eine Koordination der Daten: “Alle Aufzeichnungen der Flugdaten deuten auf eine Zentrale Steuerung hin.” (Wellmann, 11 Wahrheiten, S. 89)
Wischt man die im Nachhinein gezeichnete Zielscheibe weg, ist wenn, dann das Gegenteil der Fall: Die Heterogenität der Daten deutet auf eine dezentrale Steuerung.

Literatur

Bennet, Bo: Logically Fallacious: The Ultimate Collection of Over 300 Logical Fallacies. eBooklt 2012

Bröckers, Mathias/Walther, Christian: 11.9. – zehn Jahre danach: Der Einsturz eines Lügengebäudes. Frankfurt a. M.: Westend 2011

Wellmann, Hannes: Die Geheimakten von 9/11. In: Welt der Wunder. September 2009. Hamburg: Bauer Media Group, S. 76-83

Wellmann, Hannes: 11 Wahrheiten über den 11. September. In: Welt der Wunder. September 2011. Hamburg: Bauer Media Group, S. 86-93

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