Otis AFB – Die umgeschriebene Geschichte

Mathias Bröckers und Andreas Hauß bezweifeln, dass die Otis-Flieger um 08:52/08:53 EDT abhoben. Ihren Zweifel leiten sie mit einem mustergültigen Beispiel für Suggestion ein (“Fakten, Fälschungen, …”, S. 109ff.). Die Autoren bemängeln zunächst andeutungsreich einen Verzug von zwei Tagen für eine erste detaillierte NORAD- bzw. Otis-timeline:

Es dauerte zwei Tage. Zwei Tage unzähliger Presseerklärungen und -konferenzen, auf denen immer wieder gefragt wurde, wie das alles hatte geschehen können und wo denn die Abfangjäger der Air Force geblieben waren. Die Fragen wurden schärfer und härter, sie ließen sich mit Erklärungen wie „allgemeine Konfusion“ sowie der unbestreitbaren Tatsache, dass in den Stunden nach den Anschlägen unzählige Abfangjäger über den USA kreisten, nicht mehr zum Schweigen bringen. Dass von Andrews AFB keine Jäger aufgestiegen waren, war offensichtlich, aber die Verantwortlichen des NORAD mussten irgendwie belegen, dass sie nicht untätig und konfus gewesen waren. Und so entstand in der Nacht zwischen dem 12. und 13. September die Legende von den zwei einsamen Abfangjägern, die zu spät kamen. Allerdings war die Geschichte so improvisiert und unkoordiniert, dass sie voller Fehler steckte.

Bröckers/Hauß beziehen sich auf eine Angabe bei Channel 4 als erster „offizieller Version“:

Nachdem in den ersten beiden Tagen von keinerlei Abfangjägern die Rede war, wurde am 13. September die „Information“ nachgereicht, von Otis aus seien zwei F-15 gestartet, aber zu spät gekommen. Diese „Tatsache“ musste, um den Misserfolg beider Jets zu rechtfertigen, zwischen zwei bekannten Zeitpunkten terminlich fixiert werden: zum einen der Benachrichtigung des NORAD über die erste Entführung (angeblich erst um 8.28 Uhr), zum anderen den Einschlägen um 8.45 Uhr bzw. 9.03 Uhr. Die weltweit erste – und offenbar überstürzte – Meldung las sich noch so: „Um 8.39 Uhr starteten zwei F-16 oder vielleicht F- 15 von Otis AFB in dem Versuch, eine der entführten Maschinen abzufangen.“ 8.39 Uhr: Das wären elf Minuten, nachdem das NORAD „offiziell“ informiert worden war, und völlig im Rahmen der QRA-Zeit. Bei zehn Minuten Flugzeit wäre damit auch erklärt, weshalb die AA 11 (Crash um 8.45 Uhr) nicht mehr hatte abgefangen werden können. Aber was ist mit der UA 175?

Die Angabe von Channel 4 ist demnach: Die Otis-Flieger hoben um 08:39 EDT ab. (Eine angebliche Alarmierungszeit des NORAD um 08:28 EDT ist in diesem Artikel nicht zu finden und im kompletten Buch von Bröckers/Hauß wird diese Angabe, obwohl x-fach als “offizielle Version” wiederholt, nicht einmal belegt.)
Die Autoren registrieren nun, dass in Berichten nach dem Channel-4-Bericht die Startzeit der Otis-Jäger auf 08:52 Uhr gesetzt wurde und basteln ein verschwörungstheoretisches Narrativ, dass den Verzug und den Wechsel der Angaben erklären soll: „Die Geschichte musste umgeschrieben werden.“

Die Geschichte musste umgeschrieben werden. Aus 8.39 Uhr Startzeit wurde 8.38 Uhr Alarmierungszeit, und die zehn Minuten, die sich jetzt als Zeitloch zwischen der Information der Zentrale und der der Otis ANG auftaten, wurden dem langsamen Amtsschimmel angelastet. Schließlich legten sich die Amtsgewaltigen auf 8.52 Uhr Startzeit fest. Um 8.52 Uhr also, so steht es noch jetzt auf der Timeline des NORAD zu lesen, seien zwei F-15 gestartet. Von der langen halben Stunde wurden folglich zehn Minuten vom NORAD-Amtsschimmel übernommen, die stolzen und NATO-schnellen Otis-Leute ließen sich lahme 14 Minuten Rüstzeit zumessen, und 8.52 Uhr scheint dann fast schon eine plausible Zeitangabe zu sein, um erklären zu können, warum es für das Abfangen der UA 175 zu spät war. Wenn nicht mindestens fünf Informationen den NORAD Lügen strafen würden: [Es folgen detaillierte Einwände zur timeline, die an anderer Stelle besprochen werden.]

Die Plausibilität dieses Narrativs kann grundsätzlich in Frage gestellt werden (Wie realistisch ist es bspw., dass sich ein Massenmörder erst zwei Tage nach der Tat sein Alibi ausdenkt?). Das Narrativ ist jedoch auch in sich fragil, da es mit der Annahme steht und fällt, dass die Angabe auf Channel 4 am 13.09.01 die erste „offizielle Version“ gewesen sei. (Akzeptieren wir für diesen Moment, dass ein x-beliebiger Beitrag eines x-beliebigen Massenmedums sinnvoll “offizielle Version” genannt werden kann.)
Wie können sich die Autoren sicher sein, dass diese Annahme stimmt? Man darf nicht ohne Weiteres davon ausgehen, dass Bröckers/Hauß jeden relevanten Artikel der Medien weltweit oder auch nur der US-Medien oder auch nur der großen US-Medien durchgesehen haben, besonders angesichts der Tatsache, dass Bröckers in seinem ersten Buch Verschwörungen, Verschwörungstheorien …, S. 19, zugibt, dass seine Recherche sich in Googeln erschöpft.
Und so verwundert es nicht, dass die Behauptung, am 13. September 2001 hätte es auf Channel 4 eine erste timeline gegeben, falsch ist. Bereits am 12.09.01, einen Tag nach den Anschlägen und einen Tag vor der Angabe von Channel 4 erschien in der Washington Post eine Angabe sowohl zur Alarmierung NORADs als auch zum Start der Otis-Flieger.

8:38 a.m.: The Federal Aviation Administration notified the military air defense command of a hijacking.
8:43 a.m.: The FAA notified military authorities of a second hijacking.
8:46 a.m.: American Airlines Flight 11, carrying 92 people from Boston to Los Angeles, crashed into the north tower of the World Trade Center.
8:53 a.m.: The fighter jets from Otis Air Force Base took off and headed toward New York City.

Bemerkenswerterweise handelt es sich dabei um die timeline, die bei Bröckers/Hauß dann zu der Geschichte erklärt wird, mit der die Angabe von Channel 4 angeblich „umgeschrieben“ wurde.

Übrig bleibt die Erkenntnis, dass in den Medien unmittelbar nach 9/11 verschiedene Angaben zur Startzeit der Flieger von der Otis ANGB auftauchten.

Das hier behandelte Beispiel illustriert unabhängig vom konkreten Gegenstand zudem eins: Die enorme Fülle an massenmedialen Aufarbeitungen der Anschläge vom 11. September 2001 bietet natürlich Widersprüche und wird daher für entsprechend interessegeleitete Journalisten und/oder Medienanalysten immer einen Ansatzpunkt bieten, Zweifel zu schüren und/oder die Widersprüche suggestiv in ein scheinbar sinnvolles Ganzes einzuordnen.
Der Wahrheit nähert man sich durch diese Methode aber höchstens zufällig. Schwankende Angaben über Details in den ersten Tagen sind zu erwarten und an dutzenden anderen Beispielen nachvollziehbar, über 9/11 hinaus, aber auch bei anderen Aspekten von 9/11. Einige davon:
- In den ersten Turm des WTC flog eine United-Maschine.
- Flug United 93 stürzte um 10:10 EDT ab.
- American 77 flog um 9:43 EDT ins Pentagon.
Immerhin die New York Times, CNN & die Washington Post haben so berichtet:

10:10 a.m.: United Airlines Flight 93, also hijacked, crashes in Somerset County, Pennsylvania, southeast of Pittsburgh. (CNN)

9:43 a.m.: American Airlines Flight 77 crashes into the Pentagon, sending up a huge plume of smoke. Evacuation begins immediately. (NYT)

NORAD received word at 8:38 a.m. that a United Airlines flight had been hijacked, and six minutes later, two F-15 fighter jets were ordered into the air from Otis Air Force Base on Cape Cod. But two minutes later, the United plane crashed into the first New York tower. The military jets were airborne at 8:52. When a second United plane hit the other tower at 9:02, they were still 70 miles away from Manhattan, officials said. (WP)

Um jedes dieser Beispiele ließe sich ein beliebiges verschwörerisches Narrativ stricken: UA 93 wurde um 10:03 EDT abgeschossen, stürzte aber erst um 10:10 EDT ab; um 09:43 EDT gab es nach dem Einschlag von AA 77 noch eine Explosion; die Flugzeuge wurden ausgetauscht und beim Tausch versehentlich eine United-Maschine in den Nordturm geflogen.
Am Ende handelt es sich jedoch bis zum Beleg des Gegenteils um Fiktionen, ebenso wie das Narrativ, das Bröckers/Hauß – ihrerseits interessegeleitet im Sinne einer stand-down-Theorie – um die differierenden Angaben zur Otis ANGB erstellt haben.
Schwankende Angaben in den ersten Tagen sind ohne weitere Hintergrundinformationen nichts mehr als Zeichen für mangelhafte Informiertheit des entsprechenden Mediums und nach einem Großereignis wie 9/11, über das sich tausende von Medien ausgelassen haben, zu erwarten. Die Widersprüche müssen durch verlässlichere Quellen, bspw. Primärdaten, geklärt werden, nicht durch Erfindungen.

Literatur

Bröckers, Mathias: Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins 2002

Bröckers, Mathias/Hauß, Andreas: Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11.9. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins 2003

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