Der Live-Fly

1. Methodisches

Ein Baustein in der Theoriebildung zu den 9/11-wargames ist die Live-Fly-These. Dieser These zufolge sollen verschiedene 9/11 präsente, reale Flugzeuge als Flüge einer militärischen Übung fungiert und dadurch die Flugabwehr verwirrt haben.
Das gewohnte wargames-Narrativ von Gegnern der „offiziellen Version“ lautet in der Regel: Die 9/11 beteiligten Akteure der Luftverteidigung hätten die Realität für ein Element einer Übung gehalten (Details). In der Theorie des Live-Fly wird diese Logik i.d.R. umgedreht: Die 9/11 beteiligten Akteure der Luftverteidigung hätten ein Element einer Übung für die Realität gehalten.
Diese Konstellation stellt bestimmte Anforderungen an das saubere Argumentieren. Dass ein bestimmter Flug als reelles (nicht gespieltes) Ereignis wahrgenommen wird, ist anhand der vorliegenden Daten noch relativ einfach nachzuweisen: Die Radardaten zeigen, dass er physisch vorhanden war; die Art der Kommunikation und die verwendeten Kanäle in den Funkverkehrdaten zeigt, dass er ernst genommen wurde.
Doch wie weist man nach, dass ein physisch vorhandener und für reell gehaltener Flug in Wahrheit Teil einer Übung war?
Ein Live-Fly unterscheidet sich zunächst natürlich in der Planungsphase von einem reellen Flug. Doch in den bisher verfügbaren Übungsunterlagen zu 9/11 sind keine Live Flies enthalten, teils explizit negiert (Vigilant Guardian). In den Stellungnahmen von Vertretern der Flugüberwachung ist keine Rede davon. Keine Funkverkehraufnahme, kein Log, kein Flugplan weist auf die Existenz oder Planung eines Live-Fly für 9/11 hin. Einzige Ausnahme ist ein Nebensatz in einem Buch von Richard Clarke (s. dazu Punkt 2).
Eine Live-Fly unterscheidet sich auch in der Durchführung von einem reellen Flug, z.B. durch das an Bord anwesende Personal. Hier ist das Wissen klein, die Spekulation dafür umso größer (s. dazu Punkt 3).
Ein Live-Fly unterscheidet sich nicht zuletzt in der Nachbereitung von einem reellen Flug, in Form von Auswertungsreporten, Stellungnahmen vor Ausschüssen etc. Auch in den (bisher verfügbaren) Dokumenten und Äußerungen dieser Phase nach 9/11 deutet nichts auf einen Live-Fly hin, eine Leerstelle, die Gegner der “offiziellen Version” i.d.R. als Cover-Up deuten, z.B. mit Blick auf den 9/11 CR.

But what did the Commission do about his unanswered questions? It ignored the issue of the drills and continuously pointed to FAA incompetence. However, blaming the FAA lacked credibility, because the failures of duty were not followed up and no one was disciplined.
Thus the the mock live hijackings which were apparently in progress on the morning of September 11th should be investigated as a plausible explanation for why the national defense was such an abysmal failure.

Man könnte die Sache natürlich auch anders sehen: In der Nachberichterstattung tauchen keine Live-Flies auf, weil es keine gab. Denn die Indizienlage ist äußerst dünn und Gegenindizien gibt es zu allen vorgeschlagenen Live-Flies.

2. Die Herkunft der Live-Fly-Theorie

Die Idee des 9/11 Live Fly entstand aus einer Verwechslung. In seinem Buch „Against all Enemies“ legt Richard Clarke im Rahmen der Schilderung seiner Telekonferenz in einem Nebensatz Richard Myers eine Übung namens „Vigilant Warrior“ in den Mund (Clarke, Against all Enemies, S. 5, mein Herv.):

I turned to the Pentagon screen. „JCS, JCS. I assume NORAD has scrambled fighters and AWACS. How many? Where?“ Not a pretty picture, Dick.” Dick Myers, himself a fighter pilot, knew that the days when we had scores of fighters on strip alert had ended with the cold war. “We are in the middle of Vigilant Warrior, a NORAD exercise, but … Otis has launched two birds toward New York. Langley is trying to get up two now. The AWACS are at Tinker and not on alert.“

Laut den Benennungsregeln des NORAD auf dem Stand von 9/11 ist eine mit „… Warrior“ benannte Übung eine FTX. (Die Regeln wurden im August 2005 geändert und der Ausdruck „Warrior“ durch „Phantom“ ersetzt.) Außerhalb des Buchs von Clarke taucht diese angebliche FTX allerdings nirgends auf. Auf explizite Nachfrage von Michael Ruppert teilt der Pressesprecher des NEADS mit, dass NORAD am 11. September eine Übung ohne Live-Fly vornahm, Vigilant Guardian (zit.n. Ruppert, Crossing the Rubicon, S. 368):

So on 9/11 NORAD was conducting a NORADwide, multicommand, command post exercise with no live-fly.

Weitere Akteure bestätigen die Existenz der CPX Vigilant Guardian, darunter der von Clarke zitierte Myers in einem Hearing im November 2005 (meine Herv.):

Cynthia McKinney: The question was, we had four wargames going on on September 11th, and the question that I tried to pose before the Secretary had to go to lunch was whether or not the activities of the four wargames going on on September 11th actually impaired our ability to respond to the attacks.
Richard Myers: The answer to the question is no, it did not impair our response, in fact General Eberhart who was in the command of the North American Aerospace Defense Command as he testified in front of the 9/11 Commission I believe – I believe he told them that it enhanced our ability to respond, given that NORAD didn’t have the overall responsibility for responding to the attacks that day. That was an FAA responsibility. But they were two CPXs; there was one Department of Justice exercise that didn’t have anything to do with the other three; and there was an actual operation ongoing because there was some Russian bomber activity up near Alaska.

Die beiden CPX, die Myers meint, waren Vigilant Guardian und Global Guardian; die “actual operation” war Northern Vigilance und keine Übung, zudem in Alaska; mit der Übung des DoJ meint Myers vermutlich Tripod II, eine auf den 12. September angesetzte Biowaffenübung (vgl. Giulliani, Leadership, S. 355), die im September 2002 nachgeholt wurde.

Gegner der „offiziellen Version“ akzeptieren allerdings die Idee nicht, der Politiker Clarke könnte sich an den spezifischen Namen einer für sein Buch irrelevanten Militärübung falsch erinnert haben (z.B. durch eine Namensverwechslung mit der Desert-Storm-Operation „Vigilant Warrior“ in Kuweit 1994 – Clarke war zu dieser Zeit bereits Mitglied im White House National Security Council). Denn „Vigilant Warrior“ hätte als FTX ein Element, das Vigilant Guardian als CPX nicht hat: Den Live-Fly.
Zuerst prominent aufgenommen hat die Idee des 9/11 Live-Fly mit Bezug auf die Clarke-Äußerung Michael Ruppert 2004 in Crossing the Rubicon, S. 368.

[I]t was now on the record that the Joint Chiefs and NORAD were running a live-fly hijack drill on September 11th.

In der BRD setzte u.a. Christian Walther Akzente in Richtung Live-Fly, im englischsprachigen Raum Webster Tarpley (9/11 Synthetic Terrorism, S. 187ff., 195):

Vigilant Guardian in particular compels our attention because it appears to have been transformed from a staff or command post exercise to a live fly exercise.

Zeitweilig aktiv war das internationale Team8+, das Plane-Swap-Theorien vertrat und dem u.a. der Blogger WoodyBox angehörte.
Nicht einer der genannten Autoren hat in den Jahren einen über den Clarke-Nebensatz hinausgehenden Beleg dafür gebracht, dass für 9/11 bei irgendeiner Instituton der Luftüberwachung eine Übung mit Live-Fly anvisiert war.
Konkrete Flüge sind allerdings zur Debatte gestellt worden.

3. 9/11 “Live Flies”

KAL 085

Mit der Attackenfrequenz stieg 9/11 auch die Anzahl an Falschmeldungen. Die allgemeine Nervosität führte zu diversen Schnellschüssen: Flugzeuge, die nur noch als Flugplan auf dem TSD existierten, wurden als bedrohlich gemeldet (Bsp.), Militärflugzeuge wurden für neue Angreifer gehalten (Bsp.) u.a. Sowohl in der Luft als auch am Boden gab es diverse Falschalarme.
Ein eindringliches Beispiel liefert die Geschichte von Korean Air 085. Eine in der allgemeinen Panik missverstandene Nachricht führte zu einer präventiven Nachfrage, die jedoch falsch beantwortet wurde, und innerhalb kürzester Zeit war die komplette nationale Ebene der USA in heller Aufregung ob eines vermeintlich weiteren entführten Flugzeugs – Stunden nachdem mit UA 93 das letzte Flugzeug bereits zu Boden gegangen war (Details).

Einige Gegner der “offiziellen Version” geben sich mit Erklärungen, die auf die besonderen Umstände des Tages abzielen, jedoch nicht zufrieden. Sie interpretieren in jede Ungenauigkeit und Falschmeldung je nach Interesse sinistere Hintergründe. Falschmeldungen würden auf künstlichen Radareinspeisungen basieren, bei Delta 1889 sei ein weiterer Radarpunkt mit Kennung „Delta 89“ erschienen usf.
Stets im vorsichtigen Fragemodus bewegt sich hierbei Matthew „Shoestring“ Everett.

Was Korean Airlines Flight 85 a Simulated Hijack in a 9/11 Training Exercise?

Die butterweiche Schlussfolgerung zeigt den spekulativen Gehalt der Shoestring-Erwägungen (meine Herv.):

But if KAL 85 was a simulated hijacking, it would mean at least one exercise continued well into the afternoon, hours after the attacks took place. This would raise serious questions […].

Natürlich kann jeder interpretieren, wie er mag. Dennoch passt das Gesamtbild nicht zu einem Live-Fly.
KAL 085 war ein regulärer Linienflug einer regulärer Airline, auf einer regulären Strecke des alltäglichen Flugbetriebs, mit hunderten Passagieren an Bord. Er fliegt bis heute. Insbesondere der Einsatz eines vollbesetzten Flugs des Alltagsbetriebs für Übungsflüge mutet äußerst unwahrscheinlich an. In echten Live-Fly-Übungen werden für eine Übung aus naheliegenden Gründen extra für diesen Fall mit Übungspersonal besetzte Sonderflüge genommen. Zur Illustration: Das Bild (Quelle) zeigt Col. Patrick Carpentier, den stellvertretenden Kommandanten von ANR, und Col. Alexander Vasiliev, den Kommandeur der russischen Luftwaffe, im Februar 2013 Seite an Seite an Bord einer im Rahmen der Live-Fly-Übung Vigilant Eagle „entführten“ Boeing 757.

Vigilant Eagle 2013 Live-Fly

Im Fall KAL 085 sind die Voraussetzungen besonders anspruchsvoll, da nicht nur zivile, sondern zivile koreanische Piloten und eine koreanische Airline in den Live-Fly involviert sind, die zunächst eine Strecke von mehreren Tausend Meilen zurücklegten, um zum Ort der Geschehnisse zu gelangen.  Zudem treten diverse spontan Beteiligte auf, die in eine Übung schwer zu integrieren sind. Die Meldekette im Fall KAL 085 setzte z.B. laut den Logs der FAA die Firma ARINC in Gange, die eine ACARS-Nachricht von KAL 085 in der Panik nach den Attacken als Entführungsmeldung missinterpretierte. Ein überraschender Player, der kaum anders als als Mitwisser in das Live-Fly-Narrativ integriert werden kann. Die Royal Canadian Mounted Police (Kanada)) verhörte nach der Landung in Whitehorse die Piloten. Eine weitere beteiligte Partei, die nur durch die spontane Umlenkung des Flugs nach Kanada ins Spiel kam – auch ein weiterer Mitwisser?
Und das alles geschieht für nichts und ohne Grund: Die Attacken von 9/11 sind zum Zeitpunkt der ACARS-Nachricht seit einer Stunde vorbei, zum Zeitpunkt des Transpondercodes 7500 seit mehr als drei Stunden. Die Interpretation von KAL 085 als Teil eines wargame ist der reine Selbstzweck.

Der Autor gibt natürlich eine andere Motivation an. Als Indiz für die Live-Fly-Spekulationen zu KAL 085 dient eine vermeintlich ähnlicher Input im Rahmen von Vigilant Guardian einige Tage vor 9/11 (vgl. Miles Kara, NORAD Exercises, Hijack Summary):

In one of the scenarios on September 6, 10 members of a fictitious terrorist group called “Lin Po” hijacked Korean Airlines Flight 357, a Boeing 747 flying from Seoul to Anchorage–in other words, a plane resembling KAL 85. The terrorists issued demands and threatened to blow up the plane if these were not met. They also killed two passengers. NORAD directed fighter jets to get in a position to shoot down the hijacked 747, and ordered its Alaskan region to intercept and shadow the plane–similar to what it did in response to KAL 85 on September 11. The scenario involved the plane eventually landing in Seattle, Washington.

Die Probleme dieser losen Logik bestehen in der Auslassung wichtiger Kontextinformationen.
Die vermeintliche Abstimmung von Szenario und Realität erhält ihre Verdächtigkeit zunächst aus der isolierten Darstellung. KAL 085 war 9/11 ein Flug unter tausenden. Das Szenario aus Vigilant Guardian war ein Szenario unter unbekannt vielen. Allein die Szenarien von Vigilant Guardian in den vier Tagen vor 9/11 und ausschließlich bei NEADS, einer von vier Regionen des NORAD in CONUS, umfassten u.a.:
- potentiell feindliche russische Flugzeuge (07.09),
- ein russisches Flugzeug, dass unerwartet landen möchte (07.09),
- eine Lockheed, die Assistenz beim Landen benötigt (08.09.),
- einen Drogenschmuggler (08.09.),
- ein Flugzeug, das Terroristen über NYC in die Luft zu sprengen drohen (09.09),
- ein Luftschiff ohne Strom (09.09.),
- ein nicht reagierendes Flugzeug (10.09.),
- eine Evakuierung von SEADS (10.09.),
- ein vom Kurs abweichendes russisches Flugzeug (10.09.),
- eine Bombendrohung bei WADS (10.09.) und
- friendly fire eines Militärjets (10.09.).
Zu jedem dieser Szenarien lässt sich, wenn man will, irgendein realer Vorfall finden, der ihm in dem einen oder anderen Punkt gleicht. Was folgt daraus? Nichts. Je mehr verschiedene Szenarien durchgespielt werden, desto höher wird irgendwann die Wahrscheinlichkeit, dass irgendeins davon einmal mit einem realen Szenario (z.B. von 9/11) in irgendeinem oder sogar mehreren Punkten übereinstimmt, in dem Fall Airline und Flugroute (eine Standardroute von Seoul in die USA), in anderen abweicht, in dem Fall die konkrete Art der Bedrohung (getötete Passagiere, Bombendrohung, 10 Terroristen an Bord) und der Landeflughafen (Seattle). Der „komische“ Eindruck entsteht lediglich durch die Isolation dieses Szenarios bzw. – kleinteiliger noch – bestimmter Einzelelemente dieses Szenarios – ein Wahrnehmungsfehler, der die wargames-Debatte von jeher in extremem Maße prägt.
Darüber hinaus lässt Shoestring die entscheidenden Unterschiede zwischen Realität und Übung komplett unerwähnt: Das Szenario aus Vigilant Guardian war ein reines CPX-Simulationsszenario – ohne FAA Anchorage ARTCC, ohne FAA HQ, ohne FAA Herndon, ohne reales Flugzeug, ohne Piloten, ohne Passagiere, ohne Abfangjäger, ohne Polizei.
Ein nicht unerheblicher Unterschied zum angeblichen Live-Fly 9/11.

DAL 1989

Nochmal Shoestring:

Was Delta 1989 Part of A Live-Fly Hijacking Exercise on 9/11?

Die zirkuläre Logik der Live-Fly-Erwägungen zeigt abermals die weiche Schlussfolgerung (meine Herv.):

While much remains speculative, if this explanation is correct, it would have serious implications. It would mean that, at the time the attacks took place, a “live-fly” exercise was being conducted, which involved a real aircraft pretending to be hijacked.

Die Interpretation als Live-Fly einer Übung ist abermals sehr voraussetzungsreich. Delta 1989 war ein regulärer Linienflug einer regulärer Airline, auf einer regulären Strecke des alltäglichen Flugbetriebs, mit hunderten Passagieren an Bord. Er fliegt bis heute. Insbesondere der Einsatz eines vollbesetzten Flugs des Alltagsbetriebs für Übungsflüge mutet äußerst unwahrscheinlich an (s.o.).
Shoestring weiß um diese Probleme. Sein eigenes Referenzbeispiel, Amalgam Virgo II, spiegelt sie wieder (meine Herv.):

Amalgam Virgo II was planned before September 11th, and involves 1,500 participants, no live fire, though, and no paying passengers on board. These are not scheduled flights.

“These are not scheduled flights“? Das Bureau of Transportation Statistics führt Delta 1989 als regulären Inlandsflug (Quelle). 78 Personen (69 Passagiere, 9 Crewmitglieder) stiegen nach der Spontanlandung in Cleveland aus.
Der Ausweg – natürlich in Frageform – ist wie in so vielen Fällen die Erweiterung des Mitwisserkreises (Shoestring, meine Herv.):

Could Delta 1989 have been taking part in a similar exercise on September 11? Were some of its passengers played by military personnel or other government employees? Only a thorough new investigation of the 9/11 attacks can answer these and the many other crucial questions that remain, around Delta Air Lines Flight 1989 and its possible involvement in a training exercise on September 11.

Über das Problem der eingeweihten Piloten, Fluglinie, und Pseudo-Passagiere hinaus enthält auch der Fall DAL 1989 diverse Unwägbarkeiten und spontan Beteiligte, die so in einer Übungsplanung nicht vorauszusehen waren bzw. den Kreis der Mitwisser weiter erhöhen. Lokale FBI-Agenten verhörten z.B. Passagiere und Piloten nach der spontanen Umlenkung nach Cleveland – weitere Mitwisser?

UA 93

Woodybox übernimmt im November 2010 den vorsichtigen Duktus in einem eigenen Live-Fly-Szenario:

Was Flight 93 part of a military hijack exercise?

Bei Woodybox kommt die wargames-Spekulation wieder im gewohnten Gewand: Realität sei für Übung gehalten worden, in dem Fall die Entführung von UA 93. (Etwas Anderes wäre auch schwer möglich: Von kaum einem Flug der Welt sind derart viele “Realitätsbelege” öffentlich zugänglich wie von UA 93, von BTS-Daten über FDR-Daten (auch vergangener Flüge) bis hin zu Interviews mit Angehörigen.)
Woodybox zufolge erkläre die Live-Fly-These die späte Alarmierung des NEADS.

Flight 93 was part of a military exercise, probably a hijack simulation, and the exercise plot included a delayed alerting of NEADS.

Als Player im wargames-Szenario tritt hier die FAA auf:

The behavior of Belger, Sliney & co. [d.h. die oberste Leitungsebene der FAA in FAA HQ und im ATCSCC Herndon] indicates that they didn’t view the plane as a threat, but were told (possibly from the Secret Service who – according to Mike Ruppert – had direct access to FAA data) that it was a “special”, i.e. a military exercise flight. The purpose of the delayed alert might have been to test NEADS – to make it more difficult for them to intercept the flight in time.

Es ist natürlich möglich, dieses Szenario zur Debatte zu stellen, auch wenn es nach drei erfolgten Realattacken psychologisch wenig plausibel erscheint, dass jemand bei der FAA tatsächlich glauben sollte, bei UA 93 nun doch wieder in Übung zu sitzen.
Allerdings stehen die Primärdaten diesem Szenario im Weg. In den etlichen Kanälen, auf denen UA 93 bei der FAA vom ARTCC Cleveland über das ATCSCC Herndon bis zu FAA HQ Thema ist, wird der Flug als reale Entführung ernst genommen. Alle drei Instanzen sind in den Tapes des FAA ATCSCC Herndon regelmäßig zu hören. Selbst wenn die Leitungsebene aus “Sliney, Belger & co.” UA 93 nicht als reale Entführung wahrgenommen hätte, wäre es unvermeidbar, dass sie bemerken, dass jede/r andere Anwesende es tut. In den Tapes der FAA Herndon ist UA 93 zwischen 09:30 und 10:30 EDT auf u.a. folgenden Positionen Thema:
1902 Ops phone 5104 Position 4
1901 Ops phone 5103 Position 3
1903 Ops phone 5105 Position 5
1905 Ops phone 5107 Position 7
1908 Ops phone 5111 Position 11
1910 Ops phone 5113 Position 13
1911 Ops phone 5154 Position 14
1912 Ops phone 5115 Position 15
1915 Ops phone 5118 Position 8B
1916 Ops phone 5120 Position 33B
1919 Ops phone 5124 Position 24
1920 Ops phone 5125 Position 25
1927 Ops phone 5134 Position 34
1932 Ops phone 5139 Position 3B
1933 Ops phone 5140 Position 14C
1936 Ops phone 5149 Position 34B
1937 Ops phone 5153 Position 13B
Die Positionen umfassen u.a. Gespräche zwischen FAA HQ und dem ATCSCC Herndon darüber, wie man über weitere in der Luft befindliche Flugzeuge eine visuelle Identifizierung von UA 93 vornehmen könne (09:44 EDT, 1912 Ops phone 5115 Position 15); Telekonferenzen mit den Airlines, darunter United Airlines, in denen es neben den anderen Flügen ebenfalls um UA 93 geht (09:44 EDT, 1932 Ops phone 5139 Position 3B); Gespräche mit dem FBI, in denen auch Briefings zu UA 93 enthalten sind (10:14 EDT, 1927 Ops phone 5134 Position 34) u.a. Das alles wird durchgeführt in denselben Konferenzen, mit demselben Personal, das vorher, zeitgleich und danach auch mit den tatsächlichen Geschehnissen befasst ist.
Wenn man nicht die große Anzahl an Playern automatisch zu Mitwissern an der vermeintlichen Live-Fly-Übung erklären möchte, bleibt nur die Konsequenz, dass “Sliney, Belger & co.” ihren kompletten Mitarbeiterstab in dem Glauben ließen, UA 93 sei eine weitere Realgefahr, obwohl sie es besser wussten. Wer das Woodybox-Szenario akzeptiert, kommt um diese Prämisse nicht drumherum, und muss sich die Frage stellen, wie plausibel ein solches Verhalten nach drei erfolgten Realattacken noch ist und welchen Sinn es haben soll.
Generell geben die Tapes der FAA nichts her, was für wargames-Spekulationen taugt. Es gibt auf hunderten Stunden Funkaufnahmen keinerlei Übungsreferenzen, nicht einmal einen Ansatz dafür, dass für 9/11 FAA-seitig überhaupt eine Übung anvisiert war (Details).
Ein Beteiligter bestätigt diesen Befund für sein ARTCC (meine Herv.):

Q: What can you tell about the military exercises of that day, and if they had any effect whatsoever on the response?
Cheap Shot [Colin Scoggins]: I never knew anything about them. Vigilant Guardian is an exercise that we don’t participate at Boston Center. We normally are involved in Fertile Spades, Fertile Angels, and Amalgam Virgo’s. Occasionally we will get involved in large-scale exercises such as a while back Amalgam Warrior, and Global Yankee.

Die Reaktion von Woodybox ist ein beliebtes Manöver in der wargames-Argumentation: Das Zuschütten mit wahllosen Übungstermini (meine Herv.):

“Cheap Shot” [Colin Scoggins] denies any knowledge of or involvement in the ongoing exercises. This comes as a big surprise, because NORAD was conducting several large-scale exercises, Vigilant Guardian being only one of them. Other exercises, not mentioned by Scoggins, were Global Guardian, Northern Guardian, or Vigilant Warrior. NORAD covers the entire airspace of Boston Center. When Boston Center called NEADS, the air defenders thought it was the begin of Vigilant Guardian. Scoggins’ “I never knew” claim would imply that NORAD conducted its exercises in Boston Center airspace without any coordination with civilian air traffic control – bypassing Scoggins, the scheduled coordinator.
This is hard to believe and entails the search for an alternative explanation. Here is one: Scoggins was involved in the exercises, but to admit this fact would have opened the doors for more gnawing questions. Many suspect Scoggins of being a gatekeeper, and the job of a gatekeeper is to absorb dangerous questions. This is exactly what he’s doing.

Woodybox führt allerdings in die Irre.
1. „Vigilant Guardian“ war eine CPX; Abfangjäger, zivile Flugzeuge und zivile Flugüberwachung wurden, soweit die Übung NEADS betraf, von der Sim Cell des NEADS simuliert, ironischerweise sogar die konkrete Person Scoggins selbst.

While that situation was developing FAA’s Boston Center, Colin Scoggins simulated, reported that the Weather Service called and said they had lost a weather balloon somewhere near Brunswick.

Der Luftraum des ZBW wurde für die Übung überhaupt nicht gebraucht.
2. „Northern Guardian“ war überhaupt keine Übung, sondern eine Realoperation der USAF, bei der im August 2001 eine Staffel Flugzeuge in Island (Kevlavik AFB) stationiert wurde, welche im Dezember 2001 zurückkehrte (Details hier und hier). Was diese Operation mit NEADS, mit 9/11 und mit dem Luftraum des ZBW zu tun haben soll, ist schleierhaft.
3. Selbst wenn es die Übung „Vigilant Warrior“ geben würde und Clarke sie nicht einfach mit Vigilant Guardian verwechselt, wüsste niemand, ob das ZBW an ihr beteiligt gewesen sein soll.
4. Global Guardian ist die STRACOM-Übung, die jährlich gemeinsam mit NORADs Vigilant Guardian abläuft und einen nuklearen Krieg simuliert (vgl. auch Shoestring). Sie wird von der Offutt AFB in Nebraska gesteuert. Ihre Relevanz für NEADS und die FAA überhaupt, steht in den Sternen. In den 2012 per FOIA freigegebenen, freilich stark zensierten 400 Seiten Unterlagen zur Übung taucht als Teilnehmer nicht ein einziges Mal die FAA auf, geschweige denn das ZBW. In den hunderten Stunden FAA-Tapes, den tausenden Seiten bisher veröffentlichter Dokumente, den dutzenden Interview aus dem Fundus der FAA zu 9/11 spielt Global Guardian keine Rolle.
Nur zur Erinnerung: Auf Basis einer derart fokusarmen Liste werden konkrete „gatekeeper“- Anschuldigungen gegenüber einer konkreten Person im ZBW begründet, die maßgeblich dazu beitrug, dass 9/11 überhaupt Abfangjäger starteten. Scoggins war die military liaison im ZBW, in beständigem Kontakt zu NEADS und mittelbar einer der Initiatoren der scrambles von 9/11.

Scoggins´ Gegenstück im ZOB war Greg Dukeman, mit dem Woodybox entsprechend ähnliche Probleme hat (meine Herv.):

Dukelin [sic!] was in direct contact to Stacia Rountree from NEADS, he spoke with her at 9:45 and again at 10:00. At both occasions, he alerted her to Delta 1989 – but not one single word on United 93.

Der vermeintliche Widerspruch zwischen Dukemans Umgang mit DEAL 1989 und UA 93 basiert allerdings auf einer verzerrten Darstellung der realen Abläufe. Nicht Dukeman alarmierte um 09:45 EDT das NEADS zu DAL 1989, sondern das NEADS alarmierte Dukeman (NEADS-Tapes, ID Op, 09.44 EDT:

ZOB Greg Dukeman: Cleveland Military, Dukeman.
NEADS Shelley Watson: Cleveland Center, Huntress ID. Ah, we are obviously having, ah, a pretty bad situation going on with aircraft. I wanted to give you a heads up.
Dukeman: Ah, did they get into the, ah, hold on please. Ok, go ahead.
Watson: Yes sir. Delta airlines eight niner is a hijack headed, it is in your sector currently right now. Mode 3 one three zero four, we’re not sure of his intentions, and we had—
Dukeman: Hold on, hold on, I, ah, want you to talk to ah—
Watson: Go ahead sir. Transfer me out.
ZOB Kim Wernica: Hello.
Watson: Hello, this is Huntress ID, I wanted to give you a heads up in your center. Currently, we have Delta eight niner, it’s a seven sixty seven, out of Boston, headed for Las Vegas, last known, now a confirmed hijack on a mode 3 of one three zero four.
Wernica: Ok.

Und Dukeman teilte NEADS um 10:00 EDT nicht mit, dass DAL 1989 ein entführtes Flugzeug sei, sondern dass DAL 1989 kein entführtes Flugzeug sei (NEADS-Tapes, ID Op, 09:59 EDT):

NEADS Shelley Watson: Reference that Delta 1989.
FAA ZBW Colin Scoggins: Yes.
Watson: Cleveland talked to them, they talked to the pilot. He’s not declaring emergency, but they’re going ahead, I mean a hijack and land him at Cleveland for precautionary measures.
Scoggins: He’s not a hijack.
Watson: No.

Die vermeintliche Alarmierung zu DAL 1989 existiert also nicht und damit auch nicht der Widerspruch zur Nicht-Alarmierung zu UA 93. Dukeman selbst äußert sich zu seinem Rollenverständnis hinsichtlich UA 93 übrigens wie folgt:

He does not remember what is in the Military Operations Manual or in any of the other materials provided to him about hijacking, and who to call in the event of one. To his knowledge, there was nothing he was supposed to do in the role of Military Operations Specialist in the TMU in the event of a hijacking. He does not know if he was supposed to call the military. He wouldn’t know who to call. There were certain military facilities he came into contact with through his job as coordinator, but he received no training on who to contact in the event of a crisis.

Damit soll nicht in Frage gestellt werden, dass der Kommunikationszusammenbruch in FAA HQ zweifellos frappierend und erklärungsbedürftig ist. Nur hält die Erklärung mit einem Live-Fly dem Vergleich mit anderen Erklärungsansätzen in punkto Voraussetzungen und Belegen nicht stand.

4. Fazit

Die Live-Fly-These ist die argumentativ am wenigsten unterfütterte These in den wargames-Debatten. Während Gegner der “offiziellen Version” die generelle Verwechslungstheorie und die Theorie der Radar Inputs – wenngleich wenig überzeugend – aus den NEADS-Tapes heraus begründen (siehe hier und hier), bewegt sich die Argumentation für den Live-Fly ausschließlich im Bereich der Spekulation. Keine Primär- und Sekundärdaten von 9/11 geben etwas Brauchbares her. Aus der Planungs-, Durchführungs- und Nachbereitungsphase ergibt sich kein Live-Fly-Szenario. Angesichts des Datenmaterials wirkt die Live-Fly-These künstlich aufgepropft und immer auf der Kippe zur reinen Erfindung.
Zudem sprechen nicht nur keine Indizien für, sondern verschiedene Indizien gegen den Live-Fly. Alle Akteure, die auf den Tonaufnahmen der FAA und des NORAD zu hören sind, scheinen sämtliche Flüge, die als “Live Flies” gehandelt werden (O-Ton von Andreas von Bülow: “bis zu zwanzig Passagiermaschinen”, s. Interviev, min53:40), schlicht für reguläre real-world-Flugzeuge zu halten und wann immer eine stichprobenartige Überprüfung möglich ist oder gemacht wurde, bestätigt sich dieser Eindruck: Die Flüge waren mit hunderten Passagieren besetzt, beim BTS als reguläre Linienflüge eingetragen, fanden in regulären Linienmaschinen statt, die Piloten wurden befragt.
Und nicht zuletzt ist die Live-Fly-These unökonomisch in ihren Prämissen. Die Live-Fly-Theorie offeriert immer den unbekannten Übungsmaestro im Hintergrund, der zwar nie irgendwo in Erscheinung tritt, aber dennoch alle Organe der Flugüberwachung auf allen Ebenen verwirrt. Diese Instanz und diverse weitere Player je nach Szenario machen den Entwurf übermäßig prämissenabhängig.
Es ist schwer, einen allgemeinen Negativsatz wie “Es gab 9/11 keinen Live-Fly im Rahmen einer Militärübung” abschließend zu beweisen. Zumindest für die hier diskutierten Flüge ist jedoch ein Live-Fly unwahrscheinlich und generell fehlt die Evidenz für einen 9/11-Live-Fly.

Literatur

Clarke, Richard A.: Against All Enemies. Inside America´s War on Terror. New York: Free Press 2004

Giuliani, Rudolph W.: Leadership. London: Time Warner 2003

Ruppert, Michael: Crossing the Rubicon. The Decline of the American Empire at the End of the Age of Oil. Gabriola Island: New Society Publishers 2004

Tarpley, Webster: 9/11 Synthetic Terrorism Made in USA. San Diego: Progressive Press 2004

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>