Haufenweise wargames

Zum Effekt der sog. wargames auf die Reaktion der Flugabwehr 9/11 sind vielfältige Spekulationen zur Diskussion gestellt worden (s. Verwechslung von Übung und Realität, Live-Fly, Falsche Radarsignale, Möglichkeit des Flugzeugtauschs). Eine Grundsatzkritik betrifft die reine Existenz der Übungen relativ unabhängig von ihrer individuellen Ausgestaltung.

How many more ‘‘coincidences’’ must we endure before we demand that they be explained? The use of six or more planned military/CIA ‘‘exercises’’ on September 11, 2001 and their repercussions are indeed ‘‘bizarre’’ but likely not coincidental.
(Jacobs, Don: The Military Drills on 9/11: ‘‘Bizarre Coincidence’’ or something else?)

Die Beweisführung besteht meist in Listen tatsächlicher und angeblicher 9/11-Übungen, bei denen die reine Massierung bereits den Kern des Arguments ausmacht. Zu den Listenproduzenten gehört u.a. Webster Tarpley, in dessen aberwitziger Aufreihung „The 46 drills, operatiopns, war games, and acitivities of 9/11″ alles zusammengeworfen wird, was irgendwie passt: NORAD, STRATCOM, USAF, FBI, Geheimdienst, Justizministerium, Feuerwehr und private Firmen; Übungen, Übungselemente, reine Trainingsflüge und reale Operationen. Eine Liste mit derartig wenig Fokus ist völlig zwecklos. Tarpley hält es z.B. ernsthaft für verdächtig, dass einige US-Flugzeuge zum Zeitpunkt 9/11 in Saudi-Arabien und der Türkei stationiert waren. Nach dieser Logik müsste jedes einer AFB zugeordnete Flugzeug 24 Stunden am Tag auf dieser AFB im Hangar stehen.

Doch es gibt auch Listenbildungen mit etwas mehr Fokus. Den aktuellen Stand verkörpert das Griffin-inspirierte – und deshalb fragwürdige (Bsp., Bsp.) – 9/11 Consensus Panel, das immerhin 12 Übungen anführt, von denen angenommen wird, dass sie die Reaktionsgeschwindigkeit des NORAD verlangsamt hätten.

Although the 9/11 Commission mentioned only one military exercise – Vigilant Guardian – that was scheduled for 9/11, evidence shows that at least 12 exercises had been scheduled for that day.

Die Schlussfolgerung:

Had the 9/11 Commission reported the full extent of the exceptional number of exercises it knew were operating that morning, the above-quoted statements by military officers such as Eberhart, Marr, and Myers – that the exercises did not, by causing confusion, slow down the military response – would have seemed implausible.

Die Liste zeigt exemplarisch, wie der Eindruck der verdächtigen Häufung erzeugt wird. Sie enthält

a) gewöhnliche Trainingsmissionen, die in Friedenszeiten in jedem Land der Welt ständig vorkommen (Nr. 8, 9, 10, 11). Es ist beliebig, diese Flugbewegungen für bewusste Reaktionsverschleppungen zu halten. Egal an welchem Tag des Jahres man schaut, man wird immer Trainings-Flugbewegungen des Militärs finden.
b) eine Simulationsübung des NRO, eines Geheimdienstes, und mit Apollo Guardian eine Übung des US Space Command, der Weltraumabteilung des NORAD – zwei Institutionen, die nichts mit der Flugabwehr zu tun haben (Nr. 7 & 12).
c) die real-world-operation Northern Vigilance – Abfangjäger des NORAD beobachteten hierbei eine Übung Russlands in Alaska, mehr als 4000 Meilen von den 9/11-Geschehnissen entfernt (Nr. 6). Die russische Übung wurde in Folge der 9/11-Attacken abgebrochen, vgl. Rice, No Higher Honor, S. 74.
d)  Amalgam Virgo und Amalgam Warrior, zwei FTX. Die Behauptung, diese beiden Übungen seien für 9/11 angesetzt worden, belegt das Panel mit einem Zitat aus dem MFR zu einem Interview mit Ken Merchant und Paul Goddard. Merchant ist der NORAD-Verantwortliche für die Gestaltung von CPX, Goddard der NORAD-Verantwortliche für die Gestaltung von FTX. Das von Kommissionsmitarbeiter Geoffrey Brown verfasste MFR enthält den Satz:

On 9/11 there were two FDX exercises planned: Amalgam Virgo and Amalgam Warrior.

Jeder aufrichtige Leser wird anerkennen, dass der Satz zumindest doppeldeutig ist: Befanden sich die Übungen 9/11 im Planungsstadium oder waren sie für 9/11 geplant? Die Deutung des Panels, die ohne weitere Diskussion davon ausgeht, dass die Übung für 9/11 geplant waren, ist nicht nur durch keinen Beleg abgesichert, sondern wird von der eigenen Quelle konterkariert.
Zunächst ist diese Äußerung vom Autoren des MFR eingefügt und im Interview so nicht gefallen, wie die Tonaufnahme des Interviews zeigt. Ab min12:00 sind die FTX Amalgam Virgo und Amalgam Warrior Thema – ohne die Behauptung, irgendeine davon habe 9/11 stattfinden sollen. Ab min29:00 ist Amalgam Virgo im Speziellen noch einmal Thema. In min30:50 bestätigt Goddard, dass diese jährliche Übung seines Wissens nicht für 9/11, sondern für Juni 2002 angesetzt war.

Kevin Shaeffer (9/11 Commission): Was AV02 originally scheduled for like the June `02 timeframe? Summer of `02?
Paul Goddard (NORAD): I believe so.

Das passt, denn die Übung Amalgam Virgo 01 hatte im Juni 2001 stattgefunden. Amalgam Virgo 02 fand entsprechend auch im Juni 2002 statt.
Das “Exquisite” an Amalgam Virgo 02, einer Übung, die eine Entführungsszenario beinhaltete, ist nicht, dass die Übung für 9/11 angesetzt war, sondern dass sie sich zum Zeitpunkt 9/11 bereits im Planungsstadium befand, mithin keine Reaktion auf 9/11 war (meine Herv.).

R. BEN-VENISTE:  I am referring to Amalgam 02, which was in the planning stages prior to September 11th, 2001, sir. (Quelle)

This year’s exercise [Amalgam Virgo 02] is a commercial airliner-hijacking scenario — planned before the Sept. 11 attacks, [Mike] Snyder [NORAD] said. Last year’s exercise, he said, was a scenario involving a cruise missile launched by “a rogue (government) or somebody” from a barge off the East Coast. (Quelle)

Genau deshalb wird Amalgam Virgo 02 bei verschiedenen Gelegenheiten auch innerhalb der “offiziellen” Beweisführung so ausführlich thematisiert. Genau deshalb ist vielleicht der Satz “on 9/11 [...] planned” von Brown in das MFR eingefügt worden.
In min10:45 des Interviews mit Merchant und Goddard werden die 9/11 für NORAD einschlägigen Übungen noch einmal benannt:

Kevin Shaeffer: So [unverständlich] that the CONR and NEADS sector, the sector levels, they only had Vigilant Guardian on their plate?
Ken Merchant (NORAD): Correct.
Shaeffer: And we´re up here [NORAD HQ] with those three [Vigilant Guardian, Global Guardian, Apollo Guardian (die Weltraumübung)].
Merchant: Exactly.

Für NEADS relevant war lediglich Vigilant Guardian – diese für das 9/11 Consensus Panel wie ein rotes Tuch wirkende Einschätzung aus der selbstgewählten Quelle zeigt beispielhaft, wie wenig zielführend die interessengeleitete Selektion von Zitaten – zumal uneindeutigen – für die anspruchsvolle Thesenbildung ist.
Interessenten können die parallelen Ausführungen zu „Amalgam Warrior“ unter „9:28 a.m. September 11, 2001: NORAD Possibly Holding ‘Live-Fly’ Training Exercise“ in der 9/11 Timeline studieren, die im Wesentlichen aus Spekulationen und Fragezeichen bestehen. Amalgam Warrior fand bis April 2005 (als die Umbenennung in „Amalgam Phantom“ erfolgte) 2x jährlich statt, im Frühjahr/April an der Westküste, im Herbst/Oktober an der Ostküste. Ob die Übung 2001 an der Ostküste stattfand, ist mir nicht bekannt.
In jedem Fall gibt es auch nach über einem Jahrzehnt keine belastbare Information, die darauf hindeutet, irgendeine FTX war für 9/11 angesetzt, auch wenn sich diese Behauptung inzwischen unter vielen Gegnern der “offiziellen Version” verselbstständigt hat (vgl. NEADS to know, vgl. Der Live Fly),
e) Die Übung Crown Vigilance des Air Combat Command, das im Wesentlichen für Bombenabwürfe zuständig ist. Dass diese Übung für 9/11 geplant war, ist gleichfalls Spekulation.
f) Die NORAD-Übung Vigilant Guardian und die STRACOM-Übung Global Guardian. Beide fanden 9/11 nachweislich statt.

Die Liste des 9/11 Consensus Panel besteht damit aus zwei für das Thema Flugabwehr im weiteren Sinne einschlägigen Übungen, die für 9/11 nachweislich geplant waren: Vigilant Guardian und Global Guardian. Diese beiden Übungen sind schon immer Teil des offiziellen Kanons. Von diesen Übungen war für die Flugabwehr an der Ostküste der USA eine, Vigilant Guardian, relevant – der Einfluss (oder Nicht-Einfluss) dieser Übung ist anhand der Primärdaten zu rekonstruieren.
Der Rest der auf den ersten Blick beeindruckenden Liste ist wahlweise
- irrelevant, da die Akteure nicht aus der Luftabwehr stammten;
- beliebig, weil er den normalen Tagesbetrieb einer AFB widerspiegelt;
- vorschnell, weil keine Information vorliegt, die darauf weist, dass die aufgeführten Übungen je für 9/11 geplant waren, oder sogar Informationen, die darauf weisen, dass diese Übungen nicht für 9/11 geplant waren.

Offen bleibt ein letzter Punkt. Global Guardian findet traditionell im Oktober statt und wurde ursprünglich auch für 2001 in diesem Zeitraum angesetzt, glaubt man einem reputablem Insider-Journalisten (9/11 Consensus Panel, Fußn. 16).

Global Guardian had been originally scheduled for October 22-31, 2001, according to NBC military analyst William M. Arkin, in his book, Code Names: Deciphering U.S. Military Plans, Programs and Operations in the 9/11 World, Steerforth, 2005, p. 379.

Die von STRATCOM per FOIA veröffentlichten Übungsdokumente zeigen allerdings, dass die Übung am Morgen von 9/11 im vollen Gang war (FOIA 11-023 Response pgs 1-30, S. A-2).

The inclusive dates for GG 01-2 were 20 August 2001 thru 28 September 2001. Scheduled exercise employment dates were 5 -14 September 2001; however, the exercise was terminated by CINCSTRAT on 11 September 2001.

Es scheint also eine Vorverlegung der Übung Global Guardian vom Oktober in den September stattgefunden zu haben – wann, von wem und warum, ist unbekannt. Eine diesbezügliche Nachfrage beim Autor des o.g. Buches blieb unbeantwortet.

Post Scriptum

Da die unter b) genannte Übung des NRO nichts mit der Flugabwehr zu tun hat, wird sie standardmäßig aufgeblasen, um einen verdächtigen Eindruck zu vermitteln. Bröckers/Hauß, Fakten, Fälschungen, S. 194 haben die Stoßrichtung schon 2003 vorgegeben (meine Herv.):

Nicht nur im Pentagon, auch bei der CIA war man gewappnet. Immerhin liegt Langley, das CIA-Hauptquartier, ganz in der Nähe Washingtons, nur auf dem anderen Ufer des Potomac. In einer Simulation hatten sich die Geheimdienstler mit dem Fall beschäftigt, dass eine schwere Zivilmaschine in ein hohes Gebäude stürzen würde. Und wie der Terminteufel es so wollte, fand exakt am Morgen des 11.9. eine weitere Besprechung dazu statt.

Das „CIA-Hauptquartier“ in Langley war das NRO-Hauptquartier ca. 30km westlich von Washington, DC.
Die „schwere Zivilmaschine“ war ein Learjet 35A mit einem maximalen Startgewicht von 8300kg.
Das „hohe Gebäude“ hatte fünf Stockwerke.
Die Flugzeugsimulation erschöpfte sich in einigen geschlossenen Flurtüren.

 

Literatur

Bröckers, Mathias/Hauß, Andreas: Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11.9. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins 2003

Rice, Condolezza: No Higher Honor: A Memoir of My Years in Washington. New York: Crown Publishers 2011

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